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Q2 Leistungskurs · Biologie
Ökologie und Evolution: Ergänzende Übungen für das Abitur · Synthetische Evolutionstheorie

Artbildung, Koevolution und Konvergenz

In den Wäldern NRWs klettern Kleiber kopfüber die Buchenstämme hinab. Kleiber verschiedener Unterarten (Rassen) in Europa und im Kaukasus berühren sich in Kontaktzonen: Dort paaren sich manche Tiere miteinander, andere nicht. Ab wann sind zwei Populationen eigentlich zwei Arten? Und wie kommt es überhaupt dazu? Diese Frage klären wir in diesem Abschnitt, und wir beantworten sie am Ende für die Kleiber.

Der Artbegriff und die Isolation

Nach dem populationsgenetischen (biologischen) Artbegriff gehören Lebewesen zu einer Art, wenn sie eine Fortpflanzungsgemeinschaft mit gemeinsamem Genpool bilden: Sie können sich untereinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen zeugen.

Der Begriff hat Grenzen: Er versagt bei Lebewesen mit ungeschlechtlicher Fortpflanzung (z. B. Bakterien), bei Fossilien (Paarungsverhalten nicht prüfbar) und bei Arten, die sich in der Natur kaum, im Labor aber doch kreuzen lassen. Außerdem ist der Übergang zwischen „noch eine Art“ und „schon zwei Arten“ fließend.

Reproduktive Isolation entsteht durch Isolationsmechanismen:

Form Beispiel
geografisch Fluss, Gebirge oder Stausee trennt Populationen
ökologisch Besiedlung verschiedener Habitate oder Nahrungsnischen
zeitlich unterschiedliche Blüh- oder Paarungszeiten
Verhalten andere Balzrufe, Balztänze, Färbungen
genetisch/morphologisch Hybride unfruchtbar oder lebensschwach; Paarungsorgane passen nicht
Üben★☆☆Nicht begonnen
Definieren Sie den populationsgenetischen Artbegriff (Fortpflanzungsgemeinschaft mit gemeinsamem Genpool) und nennen Sie eine Schwäche dieses Begriffs.

Definieren Sie den populationsgenetischen Artbegriff (Fortpflanzungsgemeinschaft mit gemeinsamem Genpool) und nennen Sie eine Schwäche dieses Begriffs.

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Wie Arten entstehen: allopatrisch und sympatrisch

Artbildung (Speziation) bedeutet: Der Genpool einer Population spaltet sich, bis keine Fortpflanzungsgemeinschaft mehr besteht. Dabei wirken drei Faktoren: Rekombination (Neukombination von Allelen bei der Meiose und der Befruchtung) liefert Variation, Gendrift (zufällige Änderung der Allelhäufigkeiten, besonders in kleinen Populationen) verändert Genpools ohne Selektion, und Selektion richtet sie nach den Umweltbedingungen aus. Verändert sich der Genpool einer Population über viele Generationen, spricht man von Artwandel; spaltet sich eine Population in getrennte Genpools auf, von Artbildung.

Allopatrische Artbildung in vier Schritten: Ausgangspopulation, räumliche Trennung, getrennte Evolution, Arten A und B Population Barriere Selektion, Drift Art A Art B 1 Ausgangslage 2 Trennung 3 getrennte Evolution 4 zwei Arten

Allopatrische Artbildung (allopatrisch = in verschiedenen Gebieten):

  1. Eine Population wird räumlich getrennt (Gebirge, Stausee, Inselbesiedlung). Der Genfluss endet.

  2. In beiden Teilpopulationen treten unterschiedliche Mutationen auf; Selektionsdruck und Gendrift unterscheiden sich.

  3. Die Genpools driften auseinander.

  4. Reproduktive Isolation ist erreicht, wenn sich Tiere beider Gruppen auch nach Wiederbegegnung nicht mehr fortpflanzen oder keine fruchtbaren Nachkommen haben. Dann liegen nach dem populationsgenetischen (biologischen) Artbegriff zwei Arten vor; in der Praxis ist der Übergang allerdings fließend.

Sympatrische Artbildung (sympatrisch = im selben Gebiet): Die Isolation entsteht ohne räumliche Trennung, etwa durch ökologische Einnischung, zeitversetzte Fortpflanzung, Partnerwahl nach Färbung (sexuelle Selektion) oder Polyploidisierung bei Pflanzen.

Üben★☆☆Nicht begonnen
Unterscheiden Sie allopatrische und sympatrische Artbildung und nennen Sie je eine mögliche Isolationsform (geografisch, ökologisch, zeitlich, Verhalten).

Unterscheiden Sie allopatrische und sympatrische Artbildung und nennen Sie je eine mögliche Isolationsform (geografisch, ökologisch, zeitlich, Verhalten).

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Üben★★☆Nicht begonnen
Eine Population von Fischen in einem See wird durch Aufstauung in zwei Teilpopulationen getrennt. Bringt man nach 50.000 Jahren Tiere beider Gruppen wieder zusammen,…

Eine Population von Fischen in einem See wird durch Aufstauung in zwei Teilpopulationen getrennt. Bringt man nach 50.000 Jahren Tiere beider Gruppen wieder zusammen, paaren sie sich nicht mehr miteinander bzw. bringen keine fruchtbaren Nachkommen hervor.

  1. a) Beschreiben Sie die Schritte zur allopatrischen Artbildung.
  1. b) Erklären Sie, wann reproduktive Isolation erreicht ist.
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Hybridzonen und adaptive Radiation

Treffen zwei Teilpopulationen wieder aufeinander, entsteht oft eine Hybridzone. Haben Hybride eine geringere Fruchtbarkeit oder Überlebensrate, haben Individuen, die sich mit der eigenen Form paaren, eine höhere reproduktive Fitness. Selektion begünstigt dann Merkmale, die Fehlpaarungen verhindern, zum Beispiel stärker abweichende Gesänge oder Färbungen. Diesen Vorgang nennt man Verstärkung (Reinforcement): Selektion gegen Hybride kann die präzygotische Isolation (z. B. Paarungspräferenzen, Balzsignale) verstärken. Ob die Isolation dadurch vollständig wird, ist nicht garantiert: Bei starkem Genfluss kann die Hybridzone auch stabil bleiben oder die Formen verschmelzen.

Beim Kleiber (Sitta europaea) zeigt sich das: In den Kontaktzonen zwischen den Unterarten Europas und des Kaukasus sind die Färbungsunterschiede deutlicher als weit entfernt davon; dort treten auch Hybride auf, deren Häufigkeit sich genetisch messen lässt. Vorsicht: Ob wirklich zwei Arten vorliegen, entscheiden Kriterien wie Hybridhäufigkeit, Fruchtbarkeit der Hybriden, Ausmaß des Genflusses (genetische Marker) und Paarungspräferenzen.

Den Genfluss misst man z. B. so: Man fängt Tiere im Hybridgebiet und außerhalb, bestimmt genetische Marker (Mikrosatelliten, Sequenzen), vergleicht Allelhäufigkeiten und bestimmt, wie viele Individuen Mischgenotypen tragen; Vaterschaftsanalysen zeigen, wie oft Paarungen zwischen den Formen vorkommen. Variablen: Entfernung zur Kontaktzone, Zahl der Proben je Standort.

Adaptive Radiation ist die rasche Aufspaltung einer Stammart in viele Arten, die verschiedene ökologische Nischen besetzen. Beispiel: Buntbarsche im Viktoriasee, mit hunderten Arten in wenigen tausend Jahren. Ursachen: viele freie Nischen, Konkurrenzvermeidung, Einnischung und sexuelle Selektion: Weibchen wählen Männchen nach Farbe. Verschiedene Farbpräferenzen trennen Fortpflanzungsgemeinschaften auch ohne räumliche Barriere (sympatrisch). Wird das Wasser trüb (Eutrophierung), sind Farben schlechter zu erkennen: Die Partnerwahl funktioniert nicht mehr, Arten kreuzen sich, der Genfluss steigt, die Vielfalt sinkt.

Üben★★★Nicht begonnen
Zwei Kleiberpopulationen überlappen in einem Hybridgebiet. Die Hybriden haben geringere Fruchtbarkeit. a) Erläutern Sie, wie Selektion gegen Hybriden zur Verstärkung der…

Zwei Kleiberpopulationen überlappen in einem Hybridgebiet. Die Hybriden haben geringere Fruchtbarkeit.

  1. a) Erläutern Sie, wie Selektion gegen Hybriden zur Verstärkung der reproduktiven Isolation führen kann.
  1. b) Beurteilen Sie, ob bereits zwei Arten vorliegen, und nennen Sie Kriterien.
  1. c) Entwickeln Sie eine Untersuchung zur Messung des Genflusses.
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Üben★★★Nicht begonnen
Bei Buntbarschen im Viktoriasee entstanden in wenigen Tausend Jahren hunderte Arten mit unterschiedlichen Nahrungsnischen und Farbmustern. a) Erklären Sie die adaptive…

Bei Buntbarschen im Viktoriasee entstanden in wenigen Tausend Jahren hunderte Arten mit unterschiedlichen Nahrungsnischen und Farbmustern.

  1. a) Erklären Sie die adaptive Radiation.
  1. b) Analysieren Sie die Rolle von sexueller Selektion bei sympatrischer Artbildung.
  1. c) Beurteilen Sie die Folgen von Wassertrübung für die Isolationsmechanismen.
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Koevolution

Koevolution ist die wechselseitige evolutive Anpassung zweier Arten, die in enger ökologischer Beziehung stehen (Bestäuber–Pflanze, Räuber–Beute, Wirt–Parasit). Jede Art ist Teil des Selektionsdrucks der anderen.

Üben★★☆Nicht begonnen
Blütenpflanzen und ihre Bestäuber (z. B. Hummel und Wiesen-Salbei) zeigen aufeinander abgestimmte Merkmale. a) Definieren Sie Koevolution. b) Erläutern Sie, wie…

Blütenpflanzen und ihre Bestäuber (z. B. Hummel und Wiesen-Salbei) zeigen aufeinander abgestimmte Merkmale.

  1. a) Definieren Sie Koevolution.
  1. b) Erläutern Sie, wie wechselseitiger Selektionsdruck zur Anpassung führt.
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Homologie und Konvergenz

Ähnlichkeit kann zwei Ursachen haben:

  • Homologie: gleicher Grundbauplan durch gemeinsame Abstammung, auch bei unterschiedlicher Funktion. Beispiel: Vorderextremität von Mensch, Fledermaus, Wal.

  • Analogie (Konvergenz): ähnliche Funktion und Gestalt durch ähnlichen Selektionsdruck, ohne gemeinsamen Bauplan.

Homologiekriterien: Lage, spezifische Qualität (Bau), Kontinuität (Zwischenformen). Auch DNA-Sequenzen lassen sich als molekulare Homologien vergleichen.

Vergleich Zuordnung Begründung
Flügel Vogel – Fledermaus Homologie (Vorderextremität) gleiche Knochen, verschiedene Flugflächen
Flügel Vogel – Insekt Analogie Chitin-Hautfalte statt Knochen, anderer Bau
Delfin – Hai Konvergenz Säugetier vs. Knorpelfisch, stromlinienförmig durch Wasserwiderstand

Der Delfin hat Lungen, ein Knochenskelett und Milchdrüsen (Abstammung von landlebenden Säugern); die Rückenfinne enthält keine Knochen, sondern Bindegewebe. Seine Brustflossen sind dagegen homolog zur Vorderextremität der Landsäuger. Der Hai hat ein Knorpelskelett und atmet mit Kiemen; Körperform und Flossen sind unabhängig entstanden. Gleicher Selektionsdruck (schnelles Schwimmen im Wasser) begünstigte in beiden Linien die stromlinienförmige Gestalt.

Üben★☆☆Nicht begonnen
Unterscheiden Sie Homologie und Analogie (Konvergenz) und ordnen Sie zu: Flügel von Vogel und Fledermaus (Vorderextremität), Flügel von Vogel und Insekt.

Unterscheiden Sie Homologie und Analogie (Konvergenz) und ordnen Sie zu: Flügel von Vogel und Fledermaus (Vorderextremität), Flügel von Vogel und Insekt.

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Üben★★☆Nicht begonnen
Delfine (Säugetiere) und Haie (Knorpelfische) haben ähnliche Körperform. a) Begründen Sie, dass es sich um Konvergenz handelt. b) Erklären Sie die Konvergenz durch…

Delfine (Säugetiere) und Haie (Knorpelfische) haben ähnliche Körperform.

  1. a) Begründen Sie, dass es sich um Konvergenz handelt.
  1. b) Erklären Sie die Konvergenz durch ähnlichen Selektionsdruck.
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Evolution und nicht naturwissenschaftliche Positionen

Missverständnis „Der Mensch stammt vom Affen ab, also dürfte es keine Affen mehr geben“: Die Synthetische Evolutionstheorie sagt nicht, dass Menschen von heutigen Affen abstammen. Menschen und heutige Menschenaffen haben gemeinsame Vorfahren. Eine Stammart spaltete sich in Linien auf, die beide weiter bestehen. Wie bei Cousins: Man stammt nicht vom Cousin ab, teilt aber Großeltern. Artaufspaltung heißt nicht, dass die Ausgangsart verschwinden muss.

Abgrenzung: Naturwissenschaftliche Aussagen sind überprüfbar und falsifizierbar: Man kann Beobachtungen oder Experimente nennen, die sie widerlegen könnten (z. B. ein Kaninchenfossil im Präkambrium). Sie erklären mit natürlichen Ursachen. Der Glaube an eine Schöpfung ist eine weltanschauliche Position: Sie lässt sich nicht empirisch prüfen oder widerlegen. Das ist keine Abwertung, aber sie gehört nicht in die Naturwissenschaft.

Bewertung der Forderung, Schöpfungslehre „gleichberechtigt“ im Biologieunterricht zu behandeln: Erkenntnistheoretisch erfüllt sie die Kriterien der Naturwissenschaft nicht, daher kann sie keine gleichberechtigte biologische Theorie sein. Sie kann aber im Religions- oder Philosophieunterricht behandelt werden. Im Biologieunterricht kann man den Unterschied zwischen Glauben und Wissen thematisieren.

Üben★★★Nicht begonnen
Die Aussage „Der Mensch stammt nicht von Affen ab, weil es heute noch Affen gibt“ wird in einer Diskussion vorgebracht, ebenso die Forderung, Schöpfungslehre im…

Die Aussage „Der Mensch stammt nicht von Affen ab, weil es heute noch Affen gibt“ wird in einer Diskussion vorgebracht, ebenso die Forderung, Schöpfungslehre im Biologieunterricht gleichberechtigt zu behandeln.

  1. a) Widerlegen Sie das erste Argument mit der Synthetischen Evolutionstheorie (gemeinsame Vorfahren, Artaufspaltung).
  1. b) Grenzen Sie naturwissenschaftliche Erklärungen von nicht naturwissenschaftlichen Positionen ab (Überprüfbarkeit, Falsifizierbarkeit).
  1. c) Bewerten Sie die Forderung aus erkenntnistheoretischer Sicht.
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Zurück zum Anfang: Ob die Kleiber-Formen in den Kontaktzonen zwei Arten sind, hängt davon ab, ob reproduktive Isolation besteht und kaum Genfluss stattfindet. Geschwächte Hybride sind dafür ein Hinweis, aber noch kein Beweis; sie treiben die Verstärkung der Isolation an. Der Übergang ist fließend.

Auf einen Blick

  • Art (populationsgenetisch): Fortpflanzungsgemeinschaft mit gemeinsamem Genpool; Schwäche: gilt nicht bei ungeschlechtlicher Fortpflanzung und Fossilien.

  • Allopatrisch: Trennung durch Barriere, dann getrennte Evolution; sympatrisch: Isolation im selben Gebiet (ökologisch, zeitlich, Verhalten).

  • Hybride mit geringerer Fitness: Selektion verstärkt die Isolation.

  • Adaptive Radiation: schnelle Aufspaltung in viele Arten durch freie Nischen und sexuelle Selektion.

  • Koevolution: wechselseitiger Selektionsdruck zwischen zwei Arten.

  • Homologie: gemeinsame Abstammung; Analogie/Konvergenz: ähnlicher Selektionsdruck.

  • Naturwissenschaft: überprüfbar und falsifizierbar; Evolution bedeutet gemeinsame Vorfahren, nicht Abstammung vom heutigen Affen.

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