Genexpression, Regulation und Mutationen
Zwei Mäuse sind genetisch identisch, aber die eine hat gelbes, die andere braunes Fell. Wie ist das möglich? Und warum führt der Austausch einer einzigen Base manchmal zu einer schweren Krankheit, manchmal aber zu gar nichts? Die Antworten liegen im Weg von der DNA zum Merkmal und in dessen Regulation. Diese Seite fasst zusammen, was du dazu für die Klausur und das Zentralabitur (Grundkurs) brauchst.
Bau der DNA und Replikation
Ein Nukleotid besteht aus drei Teilen: dem Zucker Desoxyribose, einem Phosphatrest und einer (Stickstoff-)Base (A, T, G oder C). Im Einzelstrang verknüpft eine Phosphodiesterbindung das Phosphat des einen mit der Desoxyribose des nächsten Nukleotids. So entsteht das Zucker-Phosphat-Rückgrat mit einem 5′-Ende und einem 3′-Ende.
Zwei Einzelstränge liegen antiparallel nebeneinander und bilden die Doppelhelix. Die Basen paaren sich komplementär: A–T über 2, G–C über 3 Wasserstoffbrücken.
Semikonservative Replikation
Bei der Replikation öffnet die Helikase den Doppelstrang an der Replikationsgabel. Jeder alte Strang dient als Matrize. Die DNA-Polymerase hängt komplementäre Nukleotide an ein 3′-Ende an; sie braucht dazu einen Primer (von der Primase gebildet). Am Leitstrang verläuft die Synthese kontinuierlich, am Folgestrang in Okazaki-Fragmenten, die die Ligase verknüpft. Jede Tochter-DNA besteht aus einem alten und einem neuen Strang: semikonservativ. Die Nukleotide liegen dabei als energiereiche Nucleotidtriphosphate vor; die Replikation hat also einen Energiebedarf.
Das Meselson-Stahl-Experiment
Bakterien wuchsen zunächst mit schwerem $^{15}\mathrm{N}$, dann mit leichtem $^{14}\mathrm{N}$. Die DNA wurde im Dichtegradienten getrennt.
| Generation | Banden | Deutung |
|---|---|---|
| 0 | schwer | nur $^{15}\mathrm{N}$-DNA |
| 1 | mittel | jeder Doppelstrang: 1 alter + 1 neuer Strang |
| 2 | mittel + leicht (1 : 1) | 2 Hybride, 2 rein leichte DNA |
Die konservative Hypothese (alte Doppelhelix bleibt erhalten) scheidet aus, weil in Generation 1 keine schwere Bande mehr auftritt. Die dispersive Hypothese (Mischstücke) scheidet aus, weil in Generation 2 eine rein leichte Bande erscheint.
Bau der DNA und Replikation Die Analyse der DNA einer Zelle ergab einen Anteil von 28 % Adenin-Nukleotiden. Die DNA bildet eine antiparallele Doppelhelix mit…
Bau der DNA und Replikation
Die Analyse der DNA einer Zelle ergab einen Anteil von 28 % Adenin-Nukleotiden. Die DNA bildet eine antiparallele Doppelhelix mit komplementärer Basenpaarung.
- a) Bestimmen Sie die Anteile der übrigen Basen und begründen Sie Ihre Angabe mit den Chargaff-Regeln.
- b) Beschreiben Sie den Bau eines Nukleotids und die Verknüpfung der Nukleotide in einem Einzelstrang.
- c) Beschreiben Sie das Grundprinzip der semikonservativen Replikation.
Dichtegradientenversuch zur Replikation Bakterien wurden lange in Medium mit schwerem Stickstoff $^{15}\mathrm{N}$ gezüchtet und dann in Medium mit leichtem…
Dichtegradientenversuch zur Replikation
Bakterien wurden lange in Medium mit schwerem Stickstoff $^{15}\mathrm{N}$ gezüchtet und dann in Medium mit leichtem $^{14}\mathrm{N}$ überführt. Aus den Zellen wurde nach jeder Teilung die DNA isoliert und in einer Dichtegradientenzentrifugation aufgetrennt.
| Generation nach Überführung | Banden im Gradienten |
|---|---|
| 0 | eine Bande (schwer) |
| 1 | eine Bande (mittlere Dichte) |
| 2 | zwei Banden: mittel und leicht, gleich stark |
| 3 | zwei Banden: mittel und leicht |
- a) Leiten Sie aus den Befunden das Grundprinzip der semikonservativen Replikation ab und begründen Sie, warum konservative und dispersive Replikation ausgeschlossen werden können.
- b) Berechnen Sie für Generation 3 die Anteile der DNA-Moleküle in den beiden Banden, wenn aus einem Ausgangsmolekül in Generation 3 acht Moleküle entstehen.
- c) Erläutern Sie den Energiebedarf der Replikation und die Bedeutung von DNA-Polymerase, Primer und Ligase für den Folgestrang.
Transkription und Translation
Die genetische Information fließt von der DNA über die mRNA zum Protein. Bei der Transkription synthetisiert die RNA-Polymerase eine mRNA komplementär zum codogenen Strang (Matrizenstrang), wobei Uracil statt Thymin eingebaut wird. Die mRNA wird 5′→3′ gebildet, die Matrize also 3′→5′ gelesen.
Bei der Translation liest das Ribosom die mRNA in Dreierschritten (Codons). Jede tRNA trägt an einem Ende eine Aminosäure und am anderen ein passendes Anticodon, das mit dem Codon paart. So werden die Aminosäuren in der durch die mRNA festgelegten Reihenfolge zum Peptid verknüpft. Start bei AUG (Met), Ende bei einem Stoppcodon.
Der Code ist eindeutig (ein Codon, eine Aminosäure), degeneriert (mehrere Codons für eine Aminosäure) und universell.
Prokaryoten und Eukaryoten
| Prokaryoten (z. B. E. coli) | Eukaryoten | |
|---|---|---|
| Ort | Transkription und Translation im Cytoplasma, gekoppelt | Transkription im Zellkern, Translation im Cytoplasma |
| mRNA | direkt nutzbar | prä-mRNA wird prozessiert |
| Prozessierung | – | 5′-Cap, Poly-A-Schwanz, Spleißen (Introns entfernt, Exons verbunden) |
Die Trennung bei Eukaryoten (Kompartimentierung) ermöglicht die Prozessierung vor der Translation.
Von der DNA zum Peptid Der codogene (Matrizen-)Strang eines Gens enthält die Sequenz 3′-TAC GGT CAA ATT-5′. Ausschnitt aus der Code-Sonne (mRNA-Codons): | Codon | AUG |…
Von der DNA zum Peptid
Der codogene (Matrizen-)Strang eines Gens enthält die Sequenz 3′-TAC GGT CAA ATT-5′. Ausschnitt aus der Code-Sonne (mRNA-Codons):
| Codon | AUG | CCA | GUU | UAA |
|---|---|---|---|---|
| Bedeutung | Met (Start) | Pro | Val | Stopp |
- a) Bestimmen Sie die Sequenz der mRNA und geben Sie die Richtung 5′→3′ an.
- b) Bestimmen Sie die Aminosäuresequenz des entstehenden Peptids.
- c) Erläutern Sie die Rolle der tRNA bei der Translation.
Genexpression bei Bakterien und beim Menschen Ein menschliches Gen umfasst 8.000 bp. Die reife mRNA besteht aus 1.200 Nukleotiden, davon 1.050 im codierenden Bereich…
Genexpression bei Bakterien und beim Menschen
Ein menschliches Gen umfasst 8.000 bp. Die reife mRNA besteht aus 1.200 Nukleotiden, davon 1.050 im codierenden Bereich einschließlich Stoppcodon. Die prä-mRNA wurde im Zellkern gebildet und dort durch Spleißen, Anfügen einer 5′-Cap-Struktur und eines Poly-A-Schwanzes verändert. Bei Escherichia coli beginnt die Translation bereits an der noch entstehenden mRNA.
- a) Berechnen Sie den Anteil der Introns an der Gen-Länge (Annahme: Die prä-mRNA entspricht der Gen-Länge, die reife mRNA enthält nur Exons) und die Zahl der Aminosäuren des Proteins.
- b) Vergleichen Sie die Realisierung der genetischen Information bei Prokaryoten und Eukaryoten.
- c) Erläutern Sie die Bedeutung der Kompartimentierung für die eukaryotische Proteinbiosynthese.
Regulation der Genaktivität bei Eukaryoten
Alle Körperzellen eines Menschen haben dieselbe DNA, aber eine Leberzelle exprimiert andere Gene als eine Muskelzelle. Die Genaktivität wird reguliert, das sichert auch eine angepasste Produktmenge (Homöostase).
Transkriptionsfaktoren sind Proteine, die an DNA-Abschnitte binden. Ein Aktivator bindet am Enhancer und fördert über Kontakt mit dem Promotor das Anlagern der RNA-Polymerase; ein Repressor hemmt die Transkription.
DNA-Methylierung ist das Anfügen von Methylgruppen an Cytosin-Basen, oft im Promotorbereich. Methylierte Gene sind meist ruhiggestellt, weil Transkriptionsfaktoren schlecht binden. Die Basenfolge bleibt unverändert; es ändert sich nur das Epigenom. Methylierungsmuster können bei der Zellteilung weitergegeben werden.
Transkriptionsfaktoren im Reportergenversuch In Leberzellkulturen wurde ein Reportergen (Luciferase, Maß für Genaktivität) hinter einen Promotor gesetzt. Es wurden vier…
Transkriptionsfaktoren im Reportergenversuch
In Leberzellkulturen wurde ein Reportergen (Luciferase, Maß für Genaktivität) hinter einen Promotor gesetzt. Es wurden vier Konstrukte untersucht; ein Aktivator-Transkriptionsfaktor (TF) wurde in den Zellen jeweils vorhanden bzw. ausgeschaltet.
| Konstrukt | Enhancer | TF in der Zelle | Luciferase-Aktivität (relative Einheiten) |
|---|---|---|---|
| A | ja | ja | 100 |
| B | ja | nein | 6 |
| C | nein | ja | 9 |
| D | nein | nein | 5 |
- a) Werten Sie die Messwerte aus.
- b) Erklären Sie die Regulation der Genaktivität durch Transkriptionsfaktoren, Promotor und Enhancer anhand der Daten.
- c) Stellen Sie eine Hypothese auf, wie ein Repressor wirken könnte, und planen Sie ein Experiment zur Überprüfung.
DNA-Methylierung bei Mäusen Mäuse mit dem Allel Agouti* haben ein gelbes Fell, wenn das Gen nicht methyliert ist. Ist die Promotorregion methyliert, ist das Gen…
DNA-Methylierung bei Mäusen
Mäuse mit dem Allel Agouti haben ein gelbes Fell, wenn das Gen nicht methyliert ist. Ist die Promotorregion methyliert, ist das Gen ruhiggestellt und das Fell braun. Trächtige Weibchen erhielten entweder Standardfutter oder Futter mit zusätzlichen Methylgruppen-Spendern (je 60 Nachkommen, genetisch identische Linie).
| gelbes Fell | braunes Fell | |
|---|---|---|
| Standardfutter | 45 | 15 |
| Futter mit Methylgruppen-Spendern | 21 | 39 |
- a) Berechnen Sie die Anteile gelber Nachkommen in Prozent für beide Gruppen.
- b) Erklären Sie die Befunde mit der DNA-Methylierung.
- c) Grenzen Sie eine epigenetische Veränderung von einer Genmutation ab.
Umprogrammierung von Fibroblasten Bindegewebszellen (Fibroblasten) der Maus wurden in Kulturen untersucht: Kontrolle ohne Behandlung; Einbringen des…
Umprogrammierung von Fibroblasten
Bindegewebszellen (Fibroblasten) der Maus wurden in Kulturen untersucht: Kontrolle ohne Behandlung; Einbringen des Transkriptionsfaktor-Gens MyoD; MyoD zusammen mit 5-Azacytidin (hemmt die Methylierung neu gebildeter DNA). Ausgezählt wurde der Anteil Muskelzell-ähnlicher Zellen (je 1.000 Zellen, ein Versuch).
| Ansatz | Muskelzell-ähnliche Zellen |
|---|---|
| Kontrolle | 0 |
| MyoD | 40 |
| MyoD + 5-Azacytidin | 380 |
- a) Berechnen Sie die Anteile in Prozent und beschreiben Sie das Ergebnis.
- b) Erklären Sie die Befunde mit der Regulation der Genaktivität durch Transkriptionsfaktoren und DNA-Methylierung und gehen Sie auf die Zelldifferenzierung bei identischem Genom ein.
- c) Beurteilen Sie die Aussagekraft des Versuchs (Fehlerquellen, fehlende Kontrollen) und stellen Sie eine Hypothese zur Erklärung der geringen Wirkung von MyoD allein auf.
Genmutationen
Eine Genmutation ist eine Veränderung der Basenfolge eines Gens. Die Auswirkung wird über die Kette DNA → mRNA → Protein → Phänotyp bestimmt.
| Mutation | Folge für das Peptid |
|---|---|
| Substitution, stumm | gleiche Aminosäure (Code degeneriert) |
| Substitution, Missense | andere Aminosäure |
| Substitution, Nonsense | Stoppcodon, Peptid verkürzt |
| Insertion/Deletion von 1 oder 2 Basen | Rasterschiebung: alle folgenden Codons verändert |
| Insertion/Deletion von 3 Basen | eine Aminosäure mehr/weniger, Raster bleibt |
Mutationen sind außerdem Ursprung neuer Allele und damit ein Evolutionsfaktor (Rohmaterial der Selektion).
Sichelzellanämie Beim Gen für die β-Kette des Hämoglobins ist bei Menschen mit Sichelzellanämie im codogenen Strang an einer Stelle statt CTC die Basenfolge CAC…
Sichelzellanämie
Beim Gen für die β-Kette des Hämoglobins ist bei Menschen mit Sichelzellanämie im codogenen Strang an einer Stelle statt CTC die Basenfolge CAC vorhanden. Auf der mRNA steht dadurch statt GAG (Glutaminsäure) das Codon GUG (Valin). Die veränderten Hämoglobinmoleküle verklumpen bei Sauerstoffmangel.
- a) Bestimmen Sie die Art der Genmutation.
- b) Beschreiben Sie die Auswirkungen auf Genprodukt und Phänotyp.
- c) Erklären Sie, warum nicht jede Substitution einen veränderten Phänotyp zur Folge hat.
Mutationen im Modellgen Ausschnitt der mRNA eines Modellgens (5′→3′): AUG GAU UUC AUC GGC UAA. Auszug aus der Code-Sonne: AUG Met (Start); GAU Asp; GUU Val; UUC Phe; UUU…
Mutationen im Modellgen
Ausschnitt der mRNA eines Modellgens (5′→3′): AUG GAU UUC AUC GGC UAA. Auszug aus der Code-Sonne: AUG Met (Start); GAU Asp; GUU Val; UUC Phe; UUU Phe; AUC Ile; CAU His; CGG Arg; CUA Leu; GGC Gly; UAA Stopp.
Drei Mutanten:
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Mutante 1: Deletion der drei Basen UUC.
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Mutante 2: Insertion einer Base G nach dem Codon GAU.
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Mutante 3: Substitution UUC → UUU.
- a) Bestimmen Sie die Aminosäuresequenz des Wildtyps und der drei Mutanten (bei Mutante 2 bis zum letzten vollständigen Codon vor Ende des Ausschnitts).
- b) Erklären Sie die Auswirkungen jeder Mutante auf Genprodukt und Phänotyp.
- c) Beurteilen Sie, welche Mutante vermutlich die schwerste Folge hat, und erläutern Sie die Mutation als Evolutionsfaktor.
Zurück zum Anfang: Die Mäuse unterscheiden sich im Fell nicht durch ihre Gene, sondern durch die Methylierung des Promotors. Und eine einzelne Base bewirkt bei der Sichelzellanämie viel, bei stummen Mutationen nichts – je nachdem, ob die Aminosäure und damit das Protein verändert wird.
Auf einen Blick
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DNA: antiparallele Doppelhelix, A–T (2 H-Brücken), G–C (3); Chargaff: A = T, G = C.
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Replikation: semikonservativ (Meselson-Stahl), Leit- und Folgestrang, Energiebedarf durch Nucleotidtriphosphate.
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Transkription liefert mRNA (codogener Strang, 5′→3′); Translation am Ribosom mit tRNA-Anticodons; Code eindeutig, degeneriert, universell.
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Eukaryoten: Prozessierung der prä-mRNA (Spleißen, Cap, Poly-A) im Zellkern; Bakterien: gekoppelte Prozesse.
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Regulation: Transkriptionsfaktoren (Enhancer, Promotor) und DNA-Methylierung (Epigenom).
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Genmutationen: stumm, Missense, Nonsense, Rasterschiebung; Wirkung über Genprodukt auf den Phänotyp.