Fadenstrahlrohr und spezifische Ladung – Bestimmung von e/m
In einer alten Fernsehröhre oder im Physikraum Ihrer Schule sehen Sie einen dünnen, grünlich-blauen Leuchtfaden, der sich im Magnetfeld zu einem Kreis krümmt. Sie sehen dabei Elektronen auf ihrer Bahn. Aus dem Radius dieses Kreises lässt sich eine Naturkonstante bestimmen: das Verhältnis von Ladung zu Masse des Elektrons. Wie das gelingt, klären wir in diesem Abschnitt.
Aufbau des Fadenstrahlrohrs
Das Fadenstrahlrohr ist ein Glaskolben, der mit Gas bei sehr niedrigem Druck gefüllt ist, meist Helium oder Wasserstoff bei etwa $10^{-2}\,\mathrm{mbar}$. Zwei Helmholtzspulen umgeben ihn und erzeugen ein homogenes Magnetfeld.
Die Bauteile erfüllen jeweils eine Aufgabe:
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Glühkathode: Der geheizte Draht sendet Elektronen aus (glühelektrischer Effekt, Glühemission).
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Anode: Zwischen Kathode und Anode liegt die Beschleunigungsspannung $U_B$. Sie beschleunigt die Elektronen, die durch eine Öffnung in der Anode austreten.
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Helmholtzspulen: Sie erzeugen im Raum dazwischen ein nahezu homogenes Magnetfeld, das senkrecht zur Bewegungsrichtung der Elektronen steht.
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Gasfüllung: Die schnellen Elektronen stoßen auf Gasatome und regen sie zum Leuchten an. Dadurch wird die Bahn als Leuchtfaden sichtbar. Ohne Gas wäre sie unsichtbar.
Nennen Sie die Bauteile eines Fadenstrahlrohrs (Glaskolben mit Gasfüllung, Glühkathode, Anode, Helmholtzspulen) und erklären Sie jeweils kurz ihre Funktion. Erklären…
Nennen Sie die Bauteile eines Fadenstrahlrohrs (Glaskolben mit Gasfüllung, Glühkathode, Anode, Helmholtzspulen) und erklären Sie jeweils kurz ihre Funktion. Erklären Sie, warum die Elektronenbahn sichtbar ist.
Beschleunigung im elektrischen Feld
Die Elektronen verlassen die Glühkathode praktisch in Ruhe. Beim Durchlaufen der Spannung $U_B$ nehmen sie die Energie $\Delta E_{kin} = e \cdot U_B$ auf. Das folgt aus der Definition der Spannung: Auf die Ladung $q$ wirkt im Feld die Kraft $F = qE$. Die Arbeit dieser Kraft über die Strecke $d$ ist $qEd = qU$.
Die Energie $1\,\mathrm{eV}$ (Elektronenvolt) ist die Energie, die ein Elektron beim Durchlaufen von $1\,\mathrm{V}$ gewinnt: $1\,\mathrm{eV} = 1{,}602\cdot10^{-19}\,\mathrm{J}$.
Im Fadenstrahlrohr werden Elektronen durch die Beschleunigungsspannung $U_B = 200\ \text{V}$ aus der Ruhe beschleunigt. Es gilt $e = 1,602 \cdot 10^{-19}\ \text{C}$ und…
Im Fadenstrahlrohr werden Elektronen durch die Beschleunigungsspannung $U_B = 200\ \text{V}$ aus der Ruhe beschleunigt. Es gilt $e = 1,602 \cdot 10^{-19}\ \text{C}$ und $m_e = 9,109 \cdot 10^{-31}\ \text{kg}$.
- a) Berechnen Sie die kinetische Energie der Elektronen in Joule und in Elektronvolt.
- b) Berechnen Sie die Geschwindigkeit $v = \sqrt{\frac{2eU_B}{m_e}}$.
Die Kreisbahn im Magnetfeld
Nun treten die Elektronen senkrecht zu den Feldlinien in das homogene Magnetfeld ein. Auf eine bewegte Ladung wirkt die Lorentzkraft $F_L = e\,v\,B$ (für $\vec{v}\perp\vec{B}$). Ihre Richtung steht senkrecht auf $\vec{v}$ und auf $\vec{B}$. Das Vorzeichen der Ladung ist dabei wichtig: Bei Elektronen verwenden Sie die Drei-Finger-Regel mit der linken Hand.
Die Kraft zeigt immer senkrecht zur Bahn. Sie ändert deshalb nur die Richtung der Geschwindigkeit, nicht ihren Betrag. Die Lorentzkraft verrichtet keine Arbeit, denn $\vec{F}_L \perp \vec{v}$. Die Elektronen behalten ihre kinetische Energie und laufen auf einer Kreisbahn. Die Lorentzkraft wirkt dabei als Zentripetalkraft.
Aus $F_L = F_{Z}$ erhalten Sie den Bahnradius:
Die Elektronen müssen nicht exakt senkrecht zu $\vec B$ eintreten. Zerlegen Sie dann $\vec v$ in $v_\perp$ und $v_\parallel$ (senkrecht und parallel zu $\vec B$). Der Anteil $v_\perp$ ergibt die Kreisbewegung mit $r = \dfrac{m\,v_\perp}{eB}$, der Anteil $v_\parallel$ bleibt unverändert, weil parallel zum Feld keine Kraft wirkt. Beides zusammen ist eine Schraubenbahn mit der Ganghöhe $h = v_\parallel \cdot T$.
Elektronen bewegen sich senkrecht zu einem homogenen Magnetfeld $B = 1,0 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$ mit $v = 1,0 \cdot 10^7\ \frac{\text{m}}{\text{s}}$. a) Berechnen Sie…
Elektronen bewegen sich senkrecht zu einem homogenen Magnetfeld $B = 1,0 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$ mit $v = 1,0 \cdot 10^7\ \frac{\text{m}}{\text{s}}$.
- a) Berechnen Sie die Lorentzkraft $F = e v B$.
- b) Geben Sie an, welche Bahnform entsteht, und begründen Sie, warum die Lorentzkraft keine Arbeit verrichtet.
Im Fadenstrahlrohr wird die Kreisbahn schraubenförmig, wenn die Elektronen nicht exakt senkrecht zu $\vec{B}$ eintreten. Die Geschwindigkeit hat die Komponenten…
Im Fadenstrahlrohr wird die Kreisbahn schraubenförmig, wenn die Elektronen nicht exakt senkrecht zu $\vec{B}$ eintreten. Die Geschwindigkeit hat die Komponenten $v_\perp = 8,0 \cdot 10^6\ \frac{\text{m}}{\text{s}}$ und $v_\parallel = 3,0 \cdot 10^6\ \frac{\text{m}}{\text{s}}$, $B = 2,0 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$.
- a) Berechnen Sie den Radius der Schraubenbahn.
- b) Berechnen Sie die Umlaufdauer und die Ganghöhe.
- c) Begründen Sie, warum die Umlaufdauer unabhängig von $v_\perp$ ist.
Herleitung von e/m
Die Geschwindigkeit $v$ lässt sich nicht direkt messen. Sie steckt aber in beiden Gleichungen und lässt sich eliminieren:
Die Größen $U_B$, $B$ und $r$ sind messbar. Man erhält die spezifische Ladung $\dfrac{e}{m}$.
Warum bekommt man nur $e/m$ und nicht $e$ und $m$ einzeln? Beide Größen treten in den Bewegungsgleichungen nur als Quotient auf: Ein Teilchen mit doppelter Ladung und doppelter Masse läuft auf derselben Bahn. Für $m_e$ braucht man die Elementarladung $e$ aus einem zweiten Versuch, dem Millikan-Versuch:
$$m_e = \frac{e}{e/m} = \frac{1{,}602\cdot10^{-19}\,\mathrm{C}}{1{,}76\cdot10^{11}\,\mathrm{C/kg}} \approx 9{,}10\cdot10^{-31}\,\mathrm{kg}$$Im Fadenstrahlrohr gilt $U_B = 250\ \text{V}$ und $B = 1,2 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$. Der Bahnradius der Kreisbahn beträgt $r = 4,6\ \text{cm}$. a) Leiten Sie aus…
Im Fadenstrahlrohr gilt $U_B = 250\ \text{V}$ und $B = 1,2 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$. Der Bahnradius der Kreisbahn beträgt $r = 4,6\ \text{cm}$.
- a) Leiten Sie aus $eU_B = \frac{1}{2}mv^2$ und $evB = \frac{mv^2}{r}$ die Formel $\frac{e}{m} = \frac{2U_B}{B^2 r^2}$ her.
- b) Berechnen Sie $\frac{e}{m}$.
Mit $\frac{e}{m} = 1,76 \cdot 10^{11}\ \frac{\text{C}}{\text{kg}}$ und $e = 1,602 \cdot 10^{-19}\ \text{C}$ soll die Masse des Elektrons bestimmt werden. a) Berechnen…
Mit $\frac{e}{m} = 1,76 \cdot 10^{11}\ \frac{\text{C}}{\text{kg}}$ und $e = 1,602 \cdot 10^{-19}\ \text{C}$ soll die Masse des Elektrons bestimmt werden.
- a) Berechnen Sie $m_e$.
- b) Erklären Sie, warum im Fadenstrahlrohr nur $\frac{e}{m}$ und nicht $e$ und $m$ einzeln bestimmt werden können, und welcher weitere Versuch benötigt wird.
Auswertung von Messreihen
Eine einzelne Messung ist ungenau, besonders das Ablesen von $r$ am Leuchtfaden. Besser ist eine Messreihe: Man hält $B$ konstant, verändert $U_B$ und misst jeweils $r$.
Mittelwert und Abweichung
Berechnen Sie für jede Messung $e/m$, bilden Sie den Mittelwert und vergleichen Sie ihn mit dem Literaturwert:
$$\text{relative Abweichung} = \frac{\left|\,\text{Messwert} - \text{Literaturwert}\,\right|}{\text{Literaturwert}}$$Typische systematische Fehlerquellen sind:
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Parallaxe beim Ablesen von $r$, weil der Leuchtfaden vor oder hinter der Messskala liegt.
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Das Erdmagnetfeld oder Streufelder, die sich dem Spulenfeld überlagern.
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Ein nicht ganz homogenes $B$, besonders am Rand der Spulen.
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Ein ungenau bestimmter Spulenstrom und damit ein ungenaues $B$.
Grafische Auswertung
Aus $\dfrac{e}{m} = \dfrac{2U_B}{B^2 r^2}$ folgt durch Umstellen:
$$r^2 = \frac{2}{B^2\cdot\frac{e}{m}}\cdot U_B$$Für konstantes $B$ ist $r^2$ also proportional zu $U_B$. Im $r^2$-$U_B$-Diagramm liegen die Messpunkte auf einer Ursprungsgeraden mit der Steigung
$$m_{\text{Steigung}} = \frac{2}{B^2\cdot\frac{e}{m}} \quad\Rightarrow\quad \frac{e}{m} = \frac{2}{B^2\cdot m_{\text{Steigung}}}$$Die Ausgleichsgerade mittelt über alle Messpunkte, einzelne Ausreißer fallen weniger ins Gewicht, und die Proportionalität selbst wird sichtbar überprüft.
Das Magnetfeld der Helmholtzspulen
Das Magnetfeld in der Mitte eines Helmholtzspulenpaares (Windungszahl $N$ je Spule, Radius $R$, Stromstärke $I$) berechnet sich nach
$$B = \left(\tfrac{4}{5}\right)^{3/2}\mu_0\,\frac{N\,I}{R}, \qquad \mu_0 = 4\pi\cdot10^{-7}\,\mathrm{\tfrac{Vs}{Am}}.$$Weil $r \sim 1/B$ und $e/m \sim 1/B^2$, geht ein Fehler in $B$ doppelt in $e/m$ ein: Ist $B$ um $10\,\%$ zu groß angenommen, ist $e/m$ um etwa $17\,\%$ zu klein ($1/1{,}1^2 \approx 0{,}83$).
Bei einem Schulversuch wurden bei $B = 1,0 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$ folgende Wertepaare gemessen: | $U_B$ in V | 100 | 200 | 300 | |---|---|---|---| | $r$ in cm | 3,4 |…
Bei einem Schulversuch wurden bei $B = 1,0 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$ folgende Wertepaare gemessen:
| $U_B$ in V | 100 | 200 | 300 |
|---|---|---|---|
| $r$ in cm | 3,4 | 4,8 | 5,9 |
- a) Berechnen Sie für jede Messung $\frac{e}{m}$.
- b) Bestimmen Sie den Mittelwert und die relative Abweichung vom Literaturwert $1,76 \cdot 10^{11}\ \frac{\text{C}}{\text{kg}}$.
- c) Geben Sie zwei mögliche systematische Fehlerquellen an.
Der Radius $r$ der Kreisbahn im Fadenstrahlrohr wird bei konstantem $B$ als Funktion von $U_B$ gemessen. a) Zeigen Sie, dass $r^2$ proportional zu $U_B$ ist, und geben…
Der Radius $r$ der Kreisbahn im Fadenstrahlrohr wird bei konstantem $B$ als Funktion von $U_B$ gemessen.
- a) Zeigen Sie, dass $r^2$ proportional zu $U_B$ ist, und geben Sie die Steigung des $r^2$-$U_B$-Diagramms in Abhängigkeit von $\frac{e}{m}$ und $B$ an.
- b) Aus einem Diagramm folgt die Steigung $1,1 \cdot 10^{-5}\ \frac{\text{m}^2}{\text{V}}$ bei $B = 1,0 \cdot 10^{-3}\ \text{T}$. Berechnen Sie $\frac{e}{m}$.
- c) Begründen Sie, warum die grafische Auswertung gegenüber einer Einzelmessung vorteilhaft ist.
Das Magnetfeld im Fadenstrahlrohr wird durch ein Helmholtzspulenpaar erzeugt ($N = 130$ Windungen je Spule, Radius $R = 15\ \text{cm}$). Für das Feld in der Mitte gilt…
Das Magnetfeld im Fadenstrahlrohr wird durch ein Helmholtzspulenpaar erzeugt ($N = 130$ Windungen je Spule, Radius $R = 15\ \text{cm}$). Für das Feld in der Mitte gilt $B = \left(\frac{4}{5}\right)^{3/2}\mu_0 \frac{N I}{R}$, mit $\mu_0 = 4\pi \cdot 10^{-7}\ \frac{\text{Vs}}{\text{Am}}$.
- a) Berechnen Sie $B$ für $I = 1,5\ \text{A}$.
- b) Mit $U_B = 300\ \text{V}$ ergibt sich bei diesem $B$ ein Bahnradius von $r$. Berechnen Sie $r$ mit $\frac{e}{m} = 1,76 \cdot 10^{11}\ \frac{\text{C}}{\text{kg}}$.
- c) Beurteilen Sie, wie sich ein 10 % zu groß angenommenes $B$ auf den berechneten Wert von $\frac{e}{m}$ auswirkt.
Zurück zum Anfang: Der Leuchtfaden krümmt sich, weil die Lorentzkraft die Elektronen auf eine Kreisbahn zwingt. Aus ihrem Radius ergibt sich $e/m$.
Auf einen Blick
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Im Fadenstrahlrohr entstehen Elektronen durch Glühemission, werden mit $U_B$ beschleunigt und im homogenen Feld der Helmholtzspulen abgelenkt. Das verdünnte Gas macht die Bahn sichtbar.
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Beschleunigung: $e\,U_B = \tfrac12 m v^2$, also $v = \sqrt{2eU_B/m}$.
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Lorentzkraft: $F_L = e\,v\,B$ (für $\vec v\perp\vec B$). Sie verrichtet keine Arbeit, es entsteht eine Kreisbahn mit $r = \dfrac{m\,v}{e\,B}$ und $T = \dfrac{2\pi m}{eB}$.
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Bei nicht senkrechtem Eintritt entsteht eine Schraubenbahn mit der Ganghöhe $h = v_\parallel\cdot T$.
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Spezifische Ladung: $\dfrac{e}{m} = \dfrac{2U_B}{B^2 r^2}$ mit dem Literaturwert $1{,}76\cdot10^{11}\,\mathrm{C/kg}$. Die Masse $m_e$ erhält man erst mit $e$ aus einem zweiten Versuch.
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Grafisch: $r^2\sim U_B$ mit der Steigung $\dfrac{2}{B^2\,(e/m)}$. Fehler in $B$ und $r$ gehen quadratisch ein.