Estersynthese und Aufbau der Estergruppe
Im Chemieraum riecht es plötzlich nach Birne: Dein Kurs hat Essigsäure, Pentan-1-ol und ein paar Tropfen konzentrierte Schwefelsäure erwärmt. Aus zwei Stoffen, die selbst stechend oder unangenehm alkoholisch riechen, entsteht ein Fruchtaroma, wie es in Süßigkeiten und Limonaden steckt. Welche Reaktion läuft ab, wie ist das Produkt gebaut, und warum bekommt man nie alles Edukt umgesetzt? Das klären wir in diesem Abschnitt.
Die Veresterung: Carbonsäure + Alkanol
Eine Veresterung (Estersynthese) ist die Reaktion einer Carbonsäure mit einem Alkanol. Dabei entstehen ein Ester und Wasser. Die Reaktion ist umkehrbar, du schreibst also einen Gleichgewichtspfeil.
$$\mathrm{CH_3{-}COOH + HO{-}CH_2{-}CH_3 \;\rightleftharpoons\; CH_3{-}CO{-}O{-}CH_2{-}CH_3 + H_2O}$$Konzentrierte Schwefelsäure dient als Katalysator: Sie beschleunigt die Einstellung des Gleichgewichts. Außerdem bindet sie Wasser und verschiebt das Gleichgewicht so ein wenig auf die Produktseite (mehr dazu in Abschnitt 5).
Essigsäure reagiert mit Ethanol unter Zusatz von konzentrierter Schwefelsäure zu einem fruchtig riechenden Stoff. a) Formulieren Sie die Reaktionsgleichung mit…
Essigsäure reagiert mit Ethanol unter Zusatz von konzentrierter Schwefelsäure zu einem fruchtig riechenden Stoff.
- a) Formulieren Sie die Reaktionsgleichung mit Halbstrukturformeln.
- b) Nennen Sie den Namen des Produkts und die Rolle der Schwefelsäure.
- c) Kennzeichnen Sie die Estergruppe im Produkt.
Ester benennen
Der Name des Esters setzt sich aus beiden Edukten zusammen. Es gibt zwei gebräuchliche Schreibweisen:
| Edukte | systematisch (Alkyl-alkanoat) | traditionell |
|---|---|---|
| Essigsäure + Ethanol | Ethylethanoat | Essigsäureethylester |
| Methansäure + Methanol | Methylmethanoat | Methansäuremethylester |
| Propansäure + Ethanol | Ethylpropanoat | Propansäureethylester |
Die Regel: Der Alkylrest des Alkanols kommt zuerst („Ethyl…“), dann der Name der Säure mit der Endung -oat statt -säure. In der traditionellen Form steht zuerst der Säurename und dann „…-alkylester“.
Die Halbstrukturformel schreibst du als Säurerest, dann $\mathrm{{-}CO{-}O{-}}$, dann Alkylrest: Aus Propansäure und Ethanol wird $\mathrm{CH_3{-}CH_2{-}CO{-}O{-}CH_2{-}CH_3}$.
Benennen Sie die Ester, die aus folgenden Edukten entstehen: a) Methansäure und Methanol b) Propansäure und Ethanol c) Butansäure und Methanol Geben Sie jeweils die…
Benennen Sie die Ester, die aus folgenden Edukten entstehen:
- a) Methansäure und Methanol
- b) Propansäure und Ethanol
- c) Butansäure und Methanol
Geben Sie jeweils die Halbstrukturformel an.
Aufbau der Estergruppe aus Beobachtungen ableiten
Wie weiß man überhaupt, wie die Estergruppe gebaut ist? In der Chemie stellst du Hypothesen auf und prüfst sie durch Experimente.
Woher kommt das Wasser?
Zwei Hypothesen für Essigsäure + Methanol:
-
H1: Das Wasser entsteht aus der OH-Gruppe der Säure und dem H-Atom des Alkohols. Die O–C-Bindung im Alkohol bleibt erhalten.
-
H2: Das Wasser entsteht aus dem H-Atom der Säure und der OH-Gruppe des Alkohols. Dann gehört das Alkohol-O-Atom nicht zum Ester.
Entscheidend ist, was mit dem O-Atom des Alkohols passiert. Man markiert es mit dem schweren Sauerstoffisotop: $\mathrm{CH_3{-}{}^{18}OH}$. Danach untersucht man, ob $^{18}\mathrm{O}$ im Ester (größere Molmasse, z. B. per Massenspektrometer) oder im Wasser ankommt.
Was verraten die Stoffeigenschaften?
Ester reagieren nicht mit Natrium (kein reaktives H-Atom einer OH-Gruppe) und färben Universalindikator nicht sauer. Daraus folgt: Die Estergruppe enthält weder eine Hydroxygruppe noch eine Carboxygruppe. Beim Kochen mit Natronlauge (alkalische Hydrolyse, Verseifung) entstehen Alkohol und das Salz der Carbonsäure. Das zeigt, dass die Estergruppe aus einem Säure- und einem Alkoholanteil besteht. Wie diese beiden Anteile verknüpft sind, nämlich über $\mathrm{{-}CO{-}O{-}}$, folgt erst aus dem Isotopenversuch: Das Alkohol-O-Atom bleibt am Alkylrest gebunden.
$$\mathrm{CH_3{-}CO{-}O{-}CH_3 + NaOH \;\longrightarrow\; CH_3{-}COO^- Na^+ + CH_3{-}OH}$$Diese Reaktion läuft praktisch vollständig ab: Die Säure wird sofort von der Lauge zum Carboxylat-Ion deprotoniert und steht nicht mehr für die Rückreaktion zur Veresterung zur Verfügung. Bei der sauren Hydrolyse (Ester + Wasser, mit $\mathrm{H^+}$) stellt sich dagegen das Veresterungsgleichgewicht rückwärts ein.
Bei der Estersynthese tritt Wasser aus. Zwei Hypothesen: (H1) Das Wasser-Molekül entsteht aus der OH-Gruppe der Säure und dem H-Atom des Alkohols. (H2) Das…
Bei der Estersynthese tritt Wasser aus. Zwei Hypothesen: (H1) Das Wasser-Molekül entsteht aus der OH-Gruppe der Säure und dem H-Atom des Alkohols. (H2) Das Wasser-Molekül entsteht aus dem H-Atom der Säure und der OH-Gruppe des Alkohols.
- a) Formulieren Sie beide Hypothesen mit Strukturformeln für Essigsäure und Methanol.
- b) Entwerfen Sie ein Experiment mit isotopenmarkiertem Methanol ($\mathrm{CH_3{-}{}^{18}OH}$), um zwischen den Hypothesen zu entscheiden, und geben Sie das erwartete Ergebnis für H1 an.
- c) Begründen Sie, welche Hypothese durch den Befund „$^{18}\mathrm{O}$ ist im Ester, nicht im Wasser" gestützt wird.
Leiten Sie aus folgenden Beobachtungen Hypothesen zum Aufbau der Estergruppe ab: (1) Der Ester enthält kein reaktives H-Atom einer Hydroxygruppe (keine Reaktion mit…
Leiten Sie aus folgenden Beobachtungen Hypothesen zum Aufbau der Estergruppe ab:
(1) Der Ester enthält kein reaktives H-Atom einer Hydroxygruppe (keine Reaktion mit Natrium).
(2) Der Ester reagiert nicht sauer (Universalindikator färbt sich nicht rot).
(3) Bei alkalischer Hydrolyse mit Natronlauge entstehen ein Alkohol und das Salz einer Carbonsäure.
- a) Begründen Sie jede Beobachtung mit der Struktur $\mathrm{R{-}CO{-}O{-}R'}$.
- b) Formulieren Sie die Gleichung für die alkalische Hydrolyse von Essigsäuremethylester.
- c) Erklären Sie, warum die alkalische Hydrolyse im Gegensatz zur sauren Hydrolyse praktisch vollständig verläuft.
Eigenschaften der Ester und Abtrennung
Vergleiche Essigsäure ($\vartheta_b = 118\,^\circ\mathrm{C}$), Ethanol ($78\,^\circ\mathrm{C}$) und Ethylethanoat ($77\,^\circ\mathrm{C}$). Der Ester hat die größte Molmasse der drei Stoffe, aber die niedrigste Siedetemperatur. Das liegt an den intermolekularen Wechselwirkungen:
| Stoff | stärkste Wechselwirkung | Folge |
|---|---|---|
| Ethanol | Wasserstoffbrücken (OH-Gruppe) | hohe Siedetemperatur, mit Wasser mischbar |
| Essigsäure | Wasserstoffbrücken, Dimere | höchste Siedetemperatur |
| Ester | Dipol-Dipol-WW, Van-der-Waals-Kräfte; keine Wasserstoffbrücken zwischen Estermolekülen | niedrigere Siedetemperatur als die Säure, fruchtiger Geruch |
Ein Estermolekül hat kein an Sauerstoff gebundenes H-Atom. Es kann zu Wasser zwar Wasserstoffbrücken als Akzeptor ausbilden, aber der unpolare Alkylteil überwiegt: Kurzkettige Ester sind nur schwach, längerkettige kaum wasserlöslich (lipophil).
Abtrennung: Der Ester ist wenig wasserlöslich und hat eine geringere Dichte als Wasser. Man verdünnt das Reaktionsgemisch mit Wasser. Dann schwimmt der Ester als obere Phase und kann im Scheidetrichter abgetrennt werden. Mit Natriumhydrogencarbonat-Lösung werden Säurereste herausgewaschen. Alternativ destilliert man den Ester ab, weil er niedriger siedet als die Säure.
Die Eigenschaften von Edukten und Produkt werden verglichen: Essigsäure (stechend, sauer, $\vartheta_b = 118\,^\circ\mathrm{C}$), Ethanol (mischbar mit Wasser,…
Die Eigenschaften von Edukten und Produkt werden verglichen: Essigsäure (stechend, sauer, $\vartheta_b = 118\,^\circ\mathrm{C}$), Ethanol (mischbar mit Wasser, $\vartheta_b = 78\,^\circ\mathrm{C}$), Essigsäureethylester (fruchtig, kaum wasserlöslich, $\vartheta_b = 77\,^\circ\mathrm{C}$).
- a) Begründen Sie, warum der Ester trotz höherer Molmasse als Ethanol etwa die gleiche Siedetemperatur hat.
- b) Erklären Sie die geringe Wasserlöslichkeit des Esters.
- c) Beschreiben Sie, wie man den Ester aus dem Reaktionsgemisch abtrennt.
Das Veresterungsgleichgewicht
Mischt man Säure und Alkohol im Verhältnis 1 : 1, dann wird nicht alles umgesetzt. Nach einiger Zeit sind Hin- und Rückreaktion gleich schnell (dynamisches Gleichgewicht). Die Konzentrationen ändern sich dann nicht mehr. Das Massenwirkungsgesetz (MWG) beschreibt diesen Zustand:
$$K_c = \frac{c(\mathrm{Ester})\cdot c(\mathrm{H_2O})}{c(\mathrm{Säure})\cdot c(\mathrm{Alkohol})}$$Bei der Veresterung von Essigsäure mit Ethanol ist $K_c \approx 4$ (der Wert hängt kaum von der Temperatur ab). Da auf beiden Seiten gleich viele Teilchen stehen, kürzt sich das Volumen heraus: Du kannst direkt mit Stoffmengen rechnen.
Ausbeute erhöhen: Prinzip von Le Chatelier
Das Gleichgewicht liegt nicht vollständig auf der Produktseite. Du verschiebst es nach dem Prinzip von Le Chatelier zu den Produkten, indem du
-
einen Edukt-Überschuss einsetzt (meist den günstigeren Stoff),
-
ein Produkt entfernst, z. B. den Ester abdestillieren oder Wasser binden (konzentrierte Schwefelsäure, Molsieb).
Erhitzen unter Rückfluss verhindert, dass die flüchtigen Edukte entweichen. Der Katalysator beschleunigt nur die Gleichgewichtseinstellung. Er ändert weder $K_c$ noch die Lage des Gleichgewichts.
Die Veresterung ist eine Gleichgewichtsreaktion. a) Formulieren Sie das Massenwirkungsgesetz für die Bildung von Essigsäureethylester aus Essigsäure und Ethanol. b)…
Die Veresterung ist eine Gleichgewichtsreaktion.
- a) Formulieren Sie das Massenwirkungsgesetz für die Bildung von Essigsäureethylester aus Essigsäure und Ethanol.
- b) Nennen Sie zwei Maßnahmen, um die Ausbeute an Ester zu erhöhen.
Es werden $0{,}50\,\mathrm{mol}$ Essigsäure und $0{,}50\,\mathrm{mol}$ Ethanol gemischt. Im Gleichgewicht liegen $0{,}33\,\mathrm{mol}$ Ester vor. a) Berechnen Sie die…
Es werden $0{,}50\,\mathrm{mol}$ Essigsäure und $0{,}50\,\mathrm{mol}$ Ethanol gemischt. Im Gleichgewicht liegen $0{,}33\,\mathrm{mol}$ Ester vor.
- a) Berechnen Sie die Stoffmengen aller vier Stoffe im Gleichgewicht.
- b) Berechnen Sie die Gleichgewichtskonstante $K_c$ (Volumen kürzt sich heraus).
- c) Berechnen Sie die Estermenge, die im Gleichgewicht bei Einsatz von $0{,}50\,\mathrm{mol}$ Säure und $1{,}50\,\mathrm{mol}$ Ethanol zu erwarten ist, falls $K_c$ unverändert bleibt (quadratische Gleichung).
Ein Schüler erhitzt Ethansäure, Ethanol und einige Tropfen konzentrierte Schwefelsäure unter Rückfluss. Nach einer Stunde stellt er fest, dass sich im…
Ein Schüler erhitzt Ethansäure, Ethanol und einige Tropfen konzentrierte Schwefelsäure unter Rückfluss. Nach einer Stunde stellt er fest, dass sich im Gleichgewichtsgemisch noch erhebliche Mengen Edukte befinden. Anschließend wiederholt er den Versuch und destilliert den Ester laufend ab.
- a) Erklären Sie die unvollständige Umsetzung im ersten Versuch mit dem Gleichgewicht.
- b) Erläutern Sie, warum das Abdestillieren des Esters die Ausbeute erhöht.
- c) Beurteilen Sie, ob ein Katalysator die Gleichgewichtslage ändern kann, und begründen Sie, welche Rolle die Schwefelsäure außerdem spielt (Wasserentzug).
Ausbeute berechnen
Im Labor bekommst du nie so viel Produkt wie theoretisch möglich. Die prozentuale Ausbeute vergleicht die tatsächlich erhaltene mit der theoretisch möglichen Masse:
$$\text{Ausbeute} = \frac{m_{\text{erhalten}}}{m_{\text{theoretisch}}}\cdot 100\,\%$$Zurück zum Anfang: Das Birnenaroma entsteht aus Essigsäure und Pentan-1-ol. Die Estergruppe bildet sich unter Wasseraustritt, und weil die Reaktion ein Gleichgewicht ist, bleibt ohne Gegenmaßnahmen ein Teil der Edukte übrig.
Der Ester Essigsäurepentylester ($\mathrm{CH_3COOC_5H_{11}}$, Birnenaroma) wird aus Essigsäure und Pentan-1-ol hergestellt. Eingesetzt werden $30{,}0\,\mathrm{g}$…
Der Ester Essigsäurepentylester ($\mathrm{CH_3COOC_5H_{11}}$, Birnenaroma) wird aus Essigsäure und Pentan-1-ol hergestellt. Eingesetzt werden $30{,}0\,\mathrm{g}$ Essigsäure ($M = 60{,}05\,\mathrm{g\cdot mol^{-1}}$) und $55{,}0\,\mathrm{g}$ Pentan-1-ol ($M = 88{,}15\,\mathrm{g\cdot mol^{-1}}$). Erhalten werden $38{,}0\,\mathrm{g}$ Ester ($M = 130{,}2\,\mathrm{g\cdot mol^{-1}}$).
- a) Formulieren Sie die Reaktionsgleichung.
- b) Bestimmen Sie das limitierende Edukt und die theoretische Ausbeute in g.
- c) Berechnen Sie die prozentuale Ausbeute und diskutieren Sie, warum sie unter $100\,\%$ liegt.
Auf einen Blick
-
Veresterung: Carbonsäure + Alkanol $\rightleftharpoons$ Ester + Wasser, Katalysator konzentrierte $\mathrm{H_2SO_4}$.
-
Name: Alkylrest des Alkanols + Säurename auf -oat (z. B. Ethylethanoat = Essigsäureethylester); Estergruppe $\mathrm{{-}CO{-}O{-}}$.
-
Die Isotopenmarkierung zeigt: Das Wasser stammt aus der OH-Gruppe der Säure und dem H-Atom des Alkohols.
-
Ester haben keine OH-Gruppe: keine Wasserstoffbrücken zwischen den Molekülen, niedrigere Siedetemperatur als die Säure, kaum wasserlöslich, fruchtig.
-
$K_c = \dfrac{c(\mathrm{Ester})\cdot c(\mathrm{H_2O})}{c(\mathrm{Säure})\cdot c(\mathrm{Alkohol})}$ (etwa $4$); Ausbeute erhöhen durch Überschuss oder Abdestillieren (Le Chatelier). Der Katalysator ändert die Lage nicht.
-
Ausbeute $= m_{\text{erhalten}}/m_{\text{theoretisch}}\cdot 100\,\%$, immer über das limitierende Edukt in mol.