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Q2 Grundkurs · Biologie
Ökologie und Evolution: Ergänzende Übungen für das Abitur · Synthetische Evolutionstheorie

Variation, Selektion und Genpool

Auf der Intensivstation eines Klinikums in Hannover wird ein Antibiotikum eingesetzt. Es tötet fast alle Bakterien einer Infektion ab. Nach einigen Wochen ist der Keim trotzdem wieder da, und diesmal wirkt das Mittel nicht mehr. Hat sich jedes einzelne Bakterium „angepasst“? Oder hat sich etwas in der Population verändert? Am Ende dieser Seite können Sie das mit der Synthetischen Evolutionstheorie erklären.

Genpool, Allelfrequenz und Fitness

Evolution betrachtet nicht das einzelne Individuum, sondern die Population. Ein Individuum behält seine Erbanlagen im Wesentlichen sein Leben lang (somatische Mutationen werden nicht an die Nachkommen weitergegeben). Verändern kann sich nur die genetische Zusammensetzung der Population von Generation zu Generation.

Eine Evolution im Sinne der Synthetischen Evolutionstheorie liegt vor, wenn sich die Allelfrequenzen im Genpool einer Population über Generationen ändern. Dafür sind die Evolutionsfaktoren verantwortlich:

Evolutionsfaktor Wirkung auf den Genpool
Mutation Erzeugt neue Allele (zufällig, ungerichtet) und erweitert so den Genpool.
Rekombination Kombiniert vorhandene Allele neu, ohne neue Allele zu erzeugen.
Selektion Genotypen mit höherer Fitness geben ihre Allele häufiger weiter; deren Frequenz steigt (gerichtete Veränderung).
Gendrift Zufällige Änderung der Allelfrequenzen, besonders in kleinen Populationen.
Isolation Unterbindet den Genaustausch zwischen Teilpopulationen, sodass sich ihre Genpools getrennt entwickeln.
Genfluss Einwanderung oder Auswanderung von Individuen verändert die Allelfrequenzen und gleicht Genpools an.
Zwei Genpools mit unterschiedlichen Anteilen der Allele A und a vor und nach der Selektion Generation 1 Generation 2 a: 0,50 A: 0,50 a: 0,44 A: 0,56 Selektion Der Genpool verändert sich, nicht das einzelne Individuum.
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Nennen Sie die Evolutionsfaktoren der Synthetischen Evolutionstheorie (Mutation, Rekombination, Selektion, Gendrift, Isolation, Genfluss) und erklären Sie jeweils in…

Nennen Sie die Evolutionsfaktoren der Synthetischen Evolutionstheorie (Mutation, Rekombination, Selektion, Gendrift, Isolation, Genfluss) und erklären Sie jeweils in einem Satz ihre Wirkung auf den Genpool.

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Definieren Sie die Begriffe Genpool, Allelfrequenz und reproduktive Fitness.

Definieren Sie die Begriffe Genpool, Allelfrequenz und reproduktive Fitness.

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Variation: Mutation und Rekombination

Selektion kann nur auswählen, was in der Population vorhanden ist. Die Variation liefert das Material, und sie entsteht auf zwei Wegen.

Mutation verändert die DNA und erzeugt neue Allele. Sie ist zufällig, das heißt nicht auf einen Nutzen gerichtet. Ob ein neues Allel von Vorteil, neutral oder nachteilig ist, zeigt erst die Umwelt.

Rekombination erzeugt neue Kombinationen vorhandener Allele. Bei der Meiose geschieht das auf zwei Wegen:

  • Interchromosomale Rekombination: Die mütterlichen und väterlichen Chromosomen werden in der Meiose I zufällig auf die Tochterzellen verteilt. Beim Menschen sind das $2^{23} \approx 8{,}4$ Millionen Kombinationen pro Keimzelle.

  • Intrachromosomale Rekombination (Crossing-over): Homologe Chromosomen tauschen in der Prophase I Abschnitte aus, sodass neue Allelkombinationen auf einem Chromosom entstehen.

Dazu kommt die zufällige Befruchtung: Welche Eizelle und welches Spermium sich vereinigen, ist ebenfalls Zufall.

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Unterscheiden Sie zwischen Variation durch Mutation und Variation durch Rekombination und nennen Sie je ein Beispiel für Rekombination bei der Meiose.

Unterscheiden Sie zwischen Variation durch Mutation und Variation durch Rekombination und nennen Sie je ein Beispiel für Rekombination bei der Meiose.

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Selektion berechnen: Hardy-Weinberg und Fitness

Wie schnell sich Allelfrequenzen unter Selektion ändern, lässt sich berechnen. Ausgangspunkt ist die Hardy-Weinberg-Regel für ein Gen mit zwei Allelen.

Der Grund: Bei zufälliger Paarung trifft jedes Allel mit der Wahrscheinlichkeit $p$ bzw. $q$ auf ein anderes. Das ist die Produktregel für zwei unabhängige Ereignisse.

Mit Selektion wird jeder Genotyp mit seiner Fitness $w$ gewichtet. Die mittlere Fitness der Population ist

$$\bar{w} = p^2 \cdot w_{AA} + 2pq \cdot w_{Aa} + q^2 \cdot w_{aa}$$

und die neue Frequenz von a nach einer Generation

$$q' = \frac{q^2 \cdot w_{aa} + pq \cdot w_{Aa}}{\bar{w}}$$

Im Zähler stehen alle a-Allele, die nach der Selektion noch weitergegeben werden: alle aus aa und die Hälfte der Allele aus Aa. Der Nenner normiert das Ergebnis, damit $p' + q' = 1$ gilt.

Zur Aufgabe mit dem Birkenspanner: Hat Hardy-Weinberg vor der Selektion gegolten und sind 20 % der Falter hell (aa), dann gilt $q^2 = 0{,}2$. Also ist $q = \sqrt{0{,}2} \approx 0{,}45$, und $p = 1 - q \approx 0{,}55$. Dass die Selektion den Genpool verändert, begründen Sie mit den unterschiedlichen Überlebens- und Fortpflanzungschancen. Helle Falter fallen auf rußigen Baumstämmen den Vögeln eher auf, also sinkt $q$.

Balkendiagramm der Genotypfrequenzen AA, Aa und aa vor und nach einer Generation Selektion gegen aa 0 0,5 AA (0,25) Aa (0,50) aa (0,25)
Achtung!

Die Fitness bezieht sich auf den Genotyp (aa), das Allel a wird aber auch in Aa „versteckt“ weitergegeben. Nur der aa-Genotyp wird benachteiligt. Setzen Sie im Zähler deshalb nicht einfach $q$ mit $w_{aa}$ gleich.

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In einer Population von 500 Birkenspannern sind 20 % hell (aa, rezessiv) und 80 % dunkel. Nach Industrialisierung überleben dunkle Falter besser. a) Berechnen Sie die…

In einer Population von 500 Birkenspannern sind 20 % hell (aa, rezessiv) und 80 % dunkel. Nach Industrialisierung überleben dunkle Falter besser.

  1. a) Berechnen Sie die Frequenz des Allels a vor der Selektion unter Annahme Hardy-Weinberg ($q^2 = 0{,}2$).
  1. b) Erklären Sie die Veränderung des Genpools durch Selektion.
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In einer Population (N = 1.000) beträgt die Frequenz des Allels A $p = 0{,}6$. Ein Umweltfaktor führt dazu, dass die Fitness aa nur 0,5 beträgt (AA und Aa: 1). a)…

In einer Population (N = 1.000) beträgt die Frequenz des Allels A $p = 0{,}6$. Ein Umweltfaktor führt dazu, dass die Fitness aa nur 0,5 beträgt (AA und Aa: 1).

  1. a) Berechnen Sie die Genotypfrequenzen vor Selektion.
  1. b) Berechnen Sie die Frequenz von a nach einer Generation (mittlere Fitness $\bar{w}$ nutzen). Hinweis: $\bar{w} = p^2 \cdot w_{AA} + 2pq \cdot w_{Aa} + q^2 \cdot w_{aa}$ und $q' = \dfrac{q^2 \cdot w_{aa} + pq \cdot w_{Aa}}{\bar{w}}$.
  1. c) Beurteilen Sie, warum rezessive Allele durch Selektion nur langsam verschwinden.
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Gendrift und Gründereffekt

Selektion ist nicht der einzige Faktor, der Allelfrequenzen verändert. In kleinen Populationen entscheidet der Zufall, welche Allele weitergegeben werden. Das nennt man Gendrift. Wie bei wenigen Münzwürfen weicht das Ergebnis stark vom Erwartungswert ab, bei sehr vielen Würfen kaum.

Zufällige Entwicklung einer Allelfrequenz in einer kleinen und in einer großen Population über Generationen 0 1,0 Generationen kleine Population große Population

Die Linie der kleinen Population schwankt stark und kann auf $1$ (Fixierung) oder $0$ (Verlust) laufen. Die Linie der großen Population bleibt nahezu konstant.

Isolation und Artbildung

Isolation unterbindet den Genfluss zwischen Teilpopulationen, etwa durch Meer, Gebirge oder unterschiedliche Paarungszeiten. Danach verändern Mutation, Selektion und Gendrift die getrennten Genpools unabhängig voneinander. Sind die Teilpopulationen irgendwann nicht mehr untereinander fortpflanzungsfähig, sind neue Arten entstanden (Artbildung). Die Synthetische Evolutionstheorie erklärt dies allein mit natürlichen Ursachen und überprüfbaren Faktoren. Deshalb ist sie klar von nicht-naturwissenschaftlichen Vorstellungen abgegrenzt, die sich nicht empirisch prüfen lassen.

Üben★★☆Nicht begonnen
Auf einer Nordseeinsel gründen 8 Tiere einer Mäuseart eine neue Population. Eines trägt ein seltenes Allel, das auf dem Festland eine Frequenz von 1 % hat. a) Erklären…

Auf einer Nordseeinsel gründen 8 Tiere einer Mäuseart eine neue Population. Eines trägt ein seltenes Allel, das auf dem Festland eine Frequenz von 1 % hat.

  1. a) Erklären Sie Gründereffekt und Gendrift.
  1. b) Beurteilen Sie, welche Wirkung kleine Populationsgröße auf die Allelfrequenzen hat.
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Sexuelle Selektion, Kosten und Nutzen

Auch Verhalten und auffällige Merkmale unterliegen der Selektion. Entscheidend ist immer die reproduktive Fitness.

Die Kosten-Nutzen-Analyse wägt ab: Der Nutzen (z. B. mehr Paarungen) wird den Kosten (z. B. höhere Fressfeind-Gefahr, Energieaufwand) gegenübergestellt. Das Merkmal setzt sich durch, wenn der Nutzen die Kosten bei der Zahl der überlebenden Nachkommen überwiegt.

Verhaltensstrategien im Gleichgewicht

Die Fitness einer Verhaltensweise kann davon abhängen, wie häufig sie in der Population ist (frequenzabhängige Selektion). Beispiel Rotkehlchen: Verteidiger halten ein Revier mit Kosten für den Kampf. Schmarotzer dringen in fremde Reviere ein und sparen die Verteidigungskosten, riskieren aber Kämpfe mit Verteidigern.

Angenommen, Verteidiger haben stets $w_V = 0{,}8$. Schmarotzer haben $w_S = 1{,}4 - 1{,}2f$, wobei $f$ der Anteil der Schmarotzer ist. Ein stabiles Gleichgewicht liegt dort, wo beide Strategien gleich viel bringen:

$$1{,}4 - 1{,}2f = 0{,}8 \;\Rightarrow\; f = 0{,}5$$

Bei $f < 0{,}5$ lohnt sich das Schmarotzen (höhere Fitness), der Anteil steigt. Bei $f > 0{,}5$ lohnt es sich weniger, der Anteil sinkt. Die Population pendelt sich bei $f = 0{,}5$ ein.

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Männliche Pfauen mit großen Schwänzen haben höhere Paarungserfolge, aber erhöhtes Risiko durch Fressfeinde. a) Erklären Sie sexuelle Selektion. b) Führen Sie eine…

Männliche Pfauen mit großen Schwänzen haben höhere Paarungserfolge, aber erhöhtes Risiko durch Fressfeinde.

  1. a) Erklären Sie sexuelle Selektion.
  1. b) Führen Sie eine Kosten-Nutzen-Analyse in Bezug auf die reproduktive Fitness durch.
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Individuen eines Rotkehlchenbestands verteidigen Reviere; ein Teil verhält sich als „Schmarotzer“ und dringt in Nachbarreviere ein. a) Analysieren Sie den adaptiven Wert…

Individuen eines Rotkehlchenbestands verteidigen Reviere; ein Teil verhält sich als „Schmarotzer“ und dringt in Nachbarreviere ein.

  1. a) Analysieren Sie den adaptiven Wert beider Verhaltensweisen durch Kosten-Nutzen-Betrachtung.
  1. b) Erklären Sie, unter welchen Bedingungen sich ein stabiles Gleichgewicht beider Strategien einstellt.
  1. c) Bewerten Sie die Grenze der Aussage „Verhalten dient dem Wohl der Art“.
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Antibiotikaresistenz: Evolution im Zeitraffer

Bakterien vermehren sich in Minuten, eine Generation dauert oft nur 20 bis 30 Minuten. Deshalb lässt sich ihre Evolution in der Klinik beobachten.

Schritt 1: Variation. In einer großen Bakterienpopulation entstehen durch zufällige Mutationen vereinzelt Allele, die eine Resistenz verleihen (z. B. ein Enzym, das das Antibiotikum abbaut). Sie existieren schon vor dem Medikamenteneinsatz, meist nur mit sehr kleiner Frequenz.

Schritt 2: Selektion. Das Antibiotikum ist ein Selektionsfaktor. Sensible Bakterien sterben, resistente überleben und vermehren sich (hohe Fitness). Der Anteil des Resistenzallels im Genpool steigt rasch.

Schritt 3: Ausbreitung. Die Nachkommen der Resistenten besiedeln den frei gewordenen Lebensraum.

Horizontaler Gentransfer

Bakterien geben Gene nicht nur an Tochterzellen weiter (vertikal). Bei der Konjugation übertragen sie Plasmide direkt von Zelle zu Zelle, auch zwischen verschiedenen Arten. Auf Plasmiden liegen oft Resistenzgene. So breitet sich eine Resistenz auch ohne neue Mutation aus. Der horizontale Gentransfer wirkt wie Genfluss, er verteilt Allele über Artgrenzen und lässt mehrfachresistente Keime entstehen.

Ausbreitung der Antibiotikaresistenz: Anteil resistenter Bakterien vor und nach der Antibiotikagabe und Weitergabe eines Plasmids Vor Antibiotikum Mit Antibiotikum Nach Vermehrung blau: sensibel orange: resistent Kreuz: Zelle stirbt Plasmid: Konjugation möglich

Strategien gegen Resistenzentwicklung

Beurteilen Sie Maßnahmen immer nach Wirkung und Nebenwirkung:

  • Gezielter, sparsamer Einsatz (Antibiogramm, kein Antibiotikum bei Virusinfekten) senkt den Selektionsdruck. Der Nachteil ist, dass Behandlungen verzögert werden können.

  • Vollständige Einnahme nach Plan tötet auch Teilresistente ab, damit sie sich nicht vermehren.

  • Kombinationstherapie mit mehreren Wirkstoffen verringert die Chance, dass ein Bakterium gegen alle gleichzeitig resistent ist.

  • Hygiene (Händedesinfektion, Isolation) bremst Ausbreitung und Gentransfer.

  • Weniger Einsatz in der Tiermast verringert den Selektionsdruck außerhalb der Klinik.

  • Neue Wirkstoffe helfen nur zeitweise, weil die Evolution weitergeht.

Zurück zum Anfang: Der Keim in Hannover war nicht „klüger“ geworden. Resistente Bakterien waren schon in kleiner Zahl vorhanden, das Antibiotikum hat die empfindlichen ausgelesen, und durch Vermehrung und Plasmidaustausch hat sich das Resistenzallel im Genpool durchgesetzt.

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In Bakterienpopulationen treten Antibiotikaresistenzen auf. In einer Klinik (Hannover) wird ein Antibiotikum stark eingesetzt. a) Erklären Sie mit der Synthetischen…

In Bakterienpopulationen treten Antibiotikaresistenzen auf. In einer Klinik (Hannover) wird ein Antibiotikum stark eingesetzt.

  1. a) Erklären Sie mit der Synthetischen Evolutionstheorie, wie sich die Resistenz ausbreitet.
  1. b) Erläutern Sie die Rolle von horizontalem Gentransfer.
  1. c) Beurteilen Sie Strategien zur Verlangsamung der Resistenzentwicklung.
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