Konjunkturprognosen
Im Herbst legt die Bundesregierung ihre Steuerschätzung vor, und der Bundestag plant den Haushalt für das nächste Jahr. Dafür muss man wissen, wie stark die Wirtschaft wachsen wird. Aber wer kann in die Zukunft schauen? Und was passiert, wenn die Prognose danebenliegt? Genau darum geht es auf dieser Seite.
Was ist eine Konjunkturprognose?
Eine Konjunkturprognose ist eine begründete Vorhersage der wirtschaftlichen Entwicklung, meist für das laufende und das nächste Jahr. Sie nennt Zielgrößen wie das Wachstum des preisbereinigten BIP, die Inflationsrate, die Arbeitslosenquote und den Außenbeitrag. Eine Prognose ist keine Wahrsagerei: Sie beruht auf Daten, einem Modell und Annahmen, zum Beispiel über Ölpreis, Zinsen und Weltwirtschaft.
In Deutschland erstellen unter anderem diese Institutionen Prognosen:
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der Sachverständigenrat („Wirtschaftsweise“, fünf Mitglieder, Gutachten im Herbst und Frühjahrsgutachten),
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das ifo Institut (München), das IW Köln, das RWI (Essen) und das IfW Kiel,
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die Bundesregierung (Frühjahrs- und Herbstprojektion) sowie die Bundesbank und die EZB.
Die Prognosen unterscheiden sich, weil jedes Institut andere Modelle und Annahmen verwendet.
Erklären Sie, was eine Konjunkturprognose ist, und nennen Sie zwei Institutionen, die sie in Deutschland erstellen (z. B. Sachverständigenrat, ifo Institut).
Erklären Sie, was eine Konjunkturprognose ist, und nennen Sie zwei Institutionen, die sie in Deutschland erstellen (z. B. Sachverständigenrat, ifo Institut).
Indikatoren als Datengrundlage
Prognosen stützen sich auf Indikatoren. Sie werden nach ihrem zeitlichen Verhältnis zur Konjunktur unterschieden.
| Gruppe | Beispiele | Aussage |
|---|---|---|
| Frühindikatoren | ifo Geschäftsklima, Auftragseingänge, Verbrauchervertrauen, Baugenehmigungen | laufen der Konjunktur voraus |
| Präsenzindikatoren | Produktion, BIP | zeigen die aktuelle Lage |
| Spätindikatoren | Arbeitslosenquote, Lohnstückkosten | folgen der Konjunktur nach |
Frühindikatoren sind vorlaufend, weil sie Erwartungen und Pläne messen. Unternehmen bestellen erst Material und stellen Personal ein, wenn sie gute Geschäfte erwarten. Haushalte kaufen ein Auto, wenn sie sich sicher fühlen. Produktion und Beschäftigung folgen diesen Plänen mit Verzögerung.
Nennen Sie drei Frühindikatoren (z. B. ifo Geschäftsklima, Auftragseingänge, Verbrauchervertrauen) und erklären Sie, warum sie vorlaufend sind.
Nennen Sie drei Frühindikatoren (z. B. ifo Geschäftsklima, Auftragseingänge, Verbrauchervertrauen) und erklären Sie, warum sie vorlaufend sind.
Prognosefehler berechnen
Wie gut war eine Prognose? Man vergleicht sie mit dem tatsächlichen Wert:
$$\text{Prognosefehler} = \text{Prognosewert} - \text{tatsächlicher Wert}$$Da beide Werte Wachstumsraten in Prozent sind, gibt man den Fehler in Prozentpunkten (Pp.) an. Ein positiver Fehler heißt: Die Prognose war zu optimistisch. Der durchschnittliche absolute Fehler ist der Mittelwert der Beträge der Fehler, damit sich positive und negative Fehler nicht aufheben.
Besonders groß werden die Fehler in Wendepunkten, also beim Übergang vom Aufschwung in den Abschwung oder umgekehrt. Prognosen schreiben meist den bisherigen Trend fort. Ein Umschwung, etwa durch eine Krise, ist aber gerade der Bruch des Trends.
Eine Prognose sagt für das BIP ein Wachstum von 1,2 % voraus, tatsächlich waren es 0,4 %. Berechnen Sie den Prognosefehler (Prognose − tatsächlicher Wert) in…
Eine Prognose sagt für das BIP ein Wachstum von 1,2 % voraus, tatsächlich waren es 0,4 %. Berechnen Sie den Prognosefehler (Prognose − tatsächlicher Wert) in Prozentpunkten.
Ein Institut prognostiziert für drei Jahre Wachstum von 1,5 %, 2,0 % und 1,0 %. Tatsächlich waren es 0,5 %, 2,4 % und −0,2 %. a) Berechnen Sie den Prognosefehler je…
Ein Institut prognostiziert für drei Jahre Wachstum von 1,5 %, 2,0 % und 1,0 %. Tatsächlich waren es 0,5 %, 2,4 % und −0,2 %.
- a) Berechnen Sie den Prognosefehler je Jahr.
- b) Berechnen Sie den durchschnittlichen absoluten Fehler.
- c) Erklären Sie, warum Prognosen in Wendepunkten besonders unsicher sind.
Prognosen in der Praxis lesen
Prognosen werden für Entscheidungen genutzt. Die Bundesregierung leitet aus dem erwarteten BIP-Wachstum die Steuerschätzung ab. Daraus ergibt sich, wie viel Geld im Bundeshaushalt zur Verfügung steht. Auch Tarifparteien, Unternehmen und die EZB orientieren sich daran.
Ein ähnlicher Gedanke gilt für Indikatoren. Fällt das ifo Geschäftsklima von 100 auf 90 Punkte, beträgt die Veränderung $\frac{90-100}{100} \cdot 100\,\% = -10\,\%$. Das ist ein Hinweis auf eine schwächere Konjunktur, aber kein Beweis: Der Index ist eine Umfrage und gibt Stimmungen wieder. Er unterscheidet nicht zwischen vorübergehenden und dauerhaften Problemen, und die Wirkung auf das BIP ist nicht festgelegt.
Der Sachverständigenrat erwartet ein BIP-Wachstum von 1,0 % bei einem aktuellen BIP von 4.000 Mrd. €. a) Berechnen Sie das erwartete BIP im Folgejahr. b) Berechnen Sie,…
Der Sachverständigenrat erwartet ein BIP-Wachstum von 1,0 % bei einem aktuellen BIP von 4.000 Mrd. €.
- a) Berechnen Sie das erwartete BIP im Folgejahr.
- b) Berechnen Sie, um wie viel Mrd. € das erwartete BIP im Folgejahr niedriger ausfällt, wenn die Wachstumsrate um 0,5 Prozentpunkte geringer ist.
- c) Erläutern Sie die Bedeutung der Prognose für die Haushaltsplanung.
Das ifo Geschäftsklima sinkt in drei aufeinanderfolgenden Monaten von 95 auf 92, 90 und 88 Punkte. a) Berechnen Sie die Gesamtveränderung in Prozent. b) Deuten Sie das…
Das ifo Geschäftsklima sinkt in drei aufeinanderfolgenden Monaten von 95 auf 92, 90 und 88 Punkte.
- a) Berechnen Sie die Gesamtveränderung in Prozent.
- b) Deuten Sie das Ergebnis für die erwartete Konjunktur.
- c) Nennen Sie zwei Einschränkungen dieser Deutung.
Grenzen und Gültigkeit von Prognosen
Prognosen sind nötig, aber unsicher. Dafür gibt es mehrere Gründe:
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Annahmen: Ölpreis, Zinsen, Wechselkurse oder Wirtschaftspolitik müssen angenommen werden. Ändern sie sich, ändert sich das Ergebnis.
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Modellgrenzen: Modelle vereinfachen die Wirklichkeit und stützen sich auf Daten der Vergangenheit.
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Externe Schocks: Energiekrise, Pandemie oder Krieg sind nicht vorhersehbar.
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Datenrevisionen: Das Statistische Bundesamt korrigiert BIP-Werte nachträglich.
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Wendepunkte: Trendbrüche werden meist spät erkannt.
Prognosen können außerdem auf sich selbst wirken:
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Sich selbst erfüllende Prognose: Wird ein Abschwung erwartet, investieren Unternehmen weniger und die Haushalte sparen mehr. Dadurch sinkt die Nachfrage tatsächlich.
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Sich selbst zerstörende Prognose: Warnt man vor einer Krise, handelt die Politik rechtzeitig gegen. Die Krise bleibt aus, und die Prognose scheint falsch gewesen zu sein.
Auch das Modell des Konjunkturzyklus hat eine begrenzte Reichweite: Es nimmt regelmäßige Phasen an, reale Zyklen sind aber unterschiedlich lang und stark, und Schocks passen nicht in das Schema. Deshalb sollte man Prognosen als Bandbreiten lesen, mehrere Institute vergleichen und Planungen flexibel anlegen (zum Beispiel mit Szenarien).
Wird die Prognose nach unten korrigiert, sinken die erwarteten Steuereinnahmen und die Beiträge zur Sozialversicherung, und Ausgaben für Arbeitslose steigen. Das trifft den Bundeshaushalt und erschwert die Einhaltung der Schuldenbremse. Möglich sind Ausgabenkürzungen, höhere Verschuldung oder Steuererhöhungen. Alle drei haben Folgen für Konjunktur (Kürzungen und Steuern dämpfen die Nachfrage) und Nachhaltigkeit (Schulden belasten künftige Haushalte), und sie berühren Ziele des Magischen Vierecks wie Wachstum und Beschäftigung.
Prognosen können sich selbst erfüllen oder selbst zerstören. a) Erläutern Sie beide Mechanismen mit je einem Beispiel. b) Erörtern Sie Annahmen, Modellgrenzen und…
Prognosen können sich selbst erfüllen oder selbst zerstören.
- a) Erläutern Sie beide Mechanismen mit je einem Beispiel.
- b) Erörtern Sie Annahmen, Modellgrenzen und externe Schocks (z. B. Energiekrise).
- c) Beurteilen Sie, wie Politik und Unternehmen mit Prognoseunsicherheit umgehen sollten.
Zwei Institute veröffentlichen für dasselbe Jahr Prognosen: Institut A erwartet 0,8 % Wachstum und eine Arbeitslosenquote von 5,6 %, Institut B erwartet 1,6 % und 5,2 %.…
Zwei Institute veröffentlichen für dasselbe Jahr Prognosen: Institut A erwartet 0,8 % Wachstum und eine Arbeitslosenquote von 5,6 %, Institut B erwartet 1,6 % und 5,2 %.
- a) Nennen Sie mögliche Ursachen der Unterschiede.
- b) Erörtern Sie, welche Konsequenzen für Haushaltsplanung und Geldpolitik jeweils folgen.
- c) Beurteilen Sie, wie man mit Prognosebandbreiten umgehen sollte.
Die Bundesregierung stützt ihre Steuerschätzung auf eine Konjunkturprognose. Die Prognose wird kurzfristig um 0,5 Prozentpunkte nach unten korrigiert. a) Erläutern Sie…
Die Bundesregierung stützt ihre Steuerschätzung auf eine Konjunkturprognose. Die Prognose wird kurzfristig um 0,5 Prozentpunkte nach unten korrigiert.
- a) Erläutern Sie die Folgen für Steuereinnahmen, Sozialversicherung und Schuldenbremse.
- b) Erörtern Sie Handlungsoptionen (Ausgabenkürzung, Verschuldung, Steuererhöhung) im Hinblick auf Konjunktur und Nachhaltigkeit.
- c) Beurteilen Sie die Wirkung auf das Magische Viereck.
Vorhin war die Frage, wer in die Zukunft schauen kann. Antwort: Niemand sicher. Prognosen liefern begründete Bandbreiten, auf die sich Haushaltsplanung und Politik stützen.
Auf einen Blick
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Eine Konjunkturprognose ist eine bedingte Vorhersage von BIP, Inflation, Arbeitslosigkeit u. a. (Sachverständigenrat, ifo, IW, RWI, IfW, Bundesregierung).
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Frühindikatoren (ifo Geschäftsklima, Auftragseingänge) laufen voraus, Präsenzindikatoren zeigen die Lage, Spätindikatoren (Arbeitslosenquote) hinken nach.
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Prognosefehler = Prognose − Ist, in Prozentpunkten; der durchschnittliche absolute Fehler nutzt Beträge.
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Unsicherheit entsteht durch Annahmen, Modellgrenzen, Schocks, Datenrevisionen und Wendepunkte.
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Prognosen können sich selbst erfüllen oder selbst zerstören; man sollte sie als Bandbreiten lesen.
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Korrekturen wirken auf Steuereinnahmen, Sozialversicherung und Schuldenbremse.