Währungsunion und Geldpolitik der EZB
Wer in Köln mit Euro bezahlt, kann dasselbe Geld in Lissabon, Athen oder Helsinki ausgeben. Doch wenn die Preise im Euroraum um 8 % steigen: Wer entscheidet dann über die Zinsen? Und passt derselbe Zins für das Ruhrgebiet und für Griechenland gleichermaßen? Diese Frage klären wir am Ende der Seite.
Die drei Stufen der Währungsunion
Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) entstand in drei Stufen. Der Vertrag von Maastricht (1992) legte den Weg zur Währungsunion fest; die Stufe 1 begann schon vor dem Vertrag. Sie wurde schrittweise aufgebaut, weil die Volkswirtschaften sich zuerst annähern sollten.
| Stufe | Zeitraum | Inhalt |
|---|---|---|
| 1 | ab 1990 (vor dem Vertrag von Maastricht) | Freier Kapitalverkehr, engere wirtschaftspolitische Abstimmung |
| 2 | ab 1994 | Europäisches Währungsinstitut, Konvergenz der Volkswirtschaften, unabhängige nationale Zentralbanken |
| 3 | ab 1999 | Unwiderruflich feste Wechselkurse, EZB bestimmt die Geldpolitik, Euro als Buchgeld |
Am 1. Januar 1999 wurde der Euro als Buchgeld eingeführt; die Geldpolitik ging von den nationalen Zentralbanken (z. B. der Deutschen Bundesbank) auf die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main über. Am 1. Januar 2002 kamen Euro-Münzen und -Scheine in Umlauf und lösten die D-Mark ab.
Nennen Sie die drei Stufen der Wirtschafts- und Währungsunion und erläutern Sie, was sich 1999 und 2002 geändert hat.
Nennen Sie die drei Stufen der Wirtschafts- und Währungsunion und erläutern Sie, was sich 1999 und 2002 geändert hat.
Die Konvergenzkriterien von Maastricht
Wer den Euro einführen will, muss zeigen, dass seine Wirtschaft zu den anderen passt. Dafür gibt es fünf Kriterien:
| Kriterium | Grenzwert |
|---|---|
| Preisstabilität | Inflationsrate höchstens 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Mitgliedstaaten |
| Haushaltsdefizit | höchstens 3 % des BIP |
| Schuldenstand | höchstens 60 % des BIP (oder deutlich sinkend) |
| Zinsniveau | langfristiger Zins höchstens 2 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder |
| Wechselkursstabilität | mindestens zwei Jahre ohne Abwertung im Wechselkursmechanismus |
Die Quoten berechnest du so:
$$\text{Defizitquote} = \frac{\text{Haushaltsdefizit}}{\text{BIP}} \cdot 100\,\%, \qquad \text{Schuldenstandsquote} = \frac{\text{Staatsschulden}}{\text{BIP}} \cdot 100\,\%$$Der Sinn der Kriterien: Ein Land mit hoher Inflation oder hohen Schulden würde die gemeinsame Währung belasten. Die Grenzen sichern eine stabile Währung und verhindern, dass andere Länder indirekt für Schulden haften müssen.
Nennen Sie die Konvergenzkriterien von Maastricht (Preisstabilität, Haushaltsdefizit, Schuldenstand, Zinsniveau, Wechselkursstabilität) jeweils mit dem zugehörigen…
Nennen Sie die Konvergenzkriterien von Maastricht (Preisstabilität, Haushaltsdefizit, Schuldenstand, Zinsniveau, Wechselkursstabilität) jeweils mit dem zugehörigen Referenzwert bzw. der zugehörigen Anforderung.
Ein Land hat ein BIP von 2.000 Mrd. €, ein Haushaltsdefizit von 70 Mrd. € und einen Schuldenstand von 1.300 Mrd. €. a) Berechnen Sie Defizit- und Schuldenquote. b)…
Ein Land hat ein BIP von 2.000 Mrd. €, ein Haushaltsdefizit von 70 Mrd. € und einen Schuldenstand von 1.300 Mrd. €.
- a) Berechnen Sie Defizit- und Schuldenquote.
- b) Prüfen Sie die Erfüllung der Maastricht-Kriterien (3 % und 60 %).
- c) Erläutern Sie, was ein Land bei Verletzung zu erwarten hat.
Für ein Land beträgt die Inflationsrate 2,0 %. Die drei preisstabilsten Mitgliedstaaten haben 1,0 %, 1,2 % und 1,4 %. Das Kriterium erlaubt eine Abweichung von 1,5…
Für ein Land beträgt die Inflationsrate 2,0 %. Die drei preisstabilsten Mitgliedstaaten haben 1,0 %, 1,2 % und 1,4 %. Das Kriterium erlaubt eine Abweichung von 1,5 Prozentpunkten vom Durchschnitt.
- a) Berechnen Sie den Referenzwert.
- b) Prüfen Sie, ob das Land das Kriterium erfüllt.
- c) Erläutern Sie den Sinn des Kriteriums.
Ziel und Instrumente der EZB
Das vorrangige Ziel der EZB steht im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV): die Preisstabilität. Die EZB definiert sie als mittelfristig 2 % Inflation, symmetrisch (Abweichungen nach oben und unten sind gleichermaßen unerwünscht). Soweit das Ziel nicht beeinträchtigt wird, unterstützt sie die allgemeine Wirtschaftspolitik, etwa Wachstum und Beschäftigung. Zentral ist ihre Unabhängigkeit: Sie darf keine Weisungen von Regierungen annehmen, und die monetäre Staatsfinanzierung (direkter Kauf von Staatsanleihen von Staaten) ist verboten.
Bewerte die Unabhängigkeit: Dafür spricht der Schutz vor politischer Einflussnahme. Regierungen könnten vor Wahlen niedrige Zinsen und mehr Inflation durchsetzen wollen, und eine unabhängige Zentralbank macht das Preisstabilitätsziel glaubwürdiger. Dagegen spricht die demokratische Legitimation: Der EZB-Rat wird nicht direkt gewählt, und seine Entscheidungen wirken stark auf Beschäftigung und Staatsfinanzen. Deshalb gibt es Transparenzpflichten und Rechenschaft gegenüber dem Europäischen Parlament.
Wichtige Instrumente:
-
Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz): Zu diesem Zins leihen sich Banken Geld von der Zentralbank.
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Einlagefazilität: Zins, den Banken für Geld bekommen, das sie über Nacht bei der Zentralbank parken.
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Mindestreserve: Banken müssen einen Teil der Einlagen bei der Zentralbank halten.
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Offenmarktgeschäfte: Kauf und Verkauf von Wertpapieren am Markt, auch Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt (quantitative Lockerung, QE).
Eine Zinssenkung wirkt also expansiv, eine Zinserhöhung dämpft Nachfrage und Inflation.
Erklären Sie das vorrangige Ziel der EZB nach dem AEUV und nennen Sie zwei ihrer Instrumente.
Erklären Sie das vorrangige Ziel der EZB nach dem AEUV und nennen Sie zwei ihrer Instrumente.
Die EZB senkt den Leitzins von 4,0 % auf 3,0 %. Ein Unternehmen nimmt einen Kredit von 2 Mio. € auf. a) Berechnen Sie die jährliche Zinsersparnis bei einer Weitergabe…
Die EZB senkt den Leitzins von 4,0 % auf 3,0 %. Ein Unternehmen nimmt einen Kredit von 2 Mio. € auf.
- a) Berechnen Sie die jährliche Zinsersparnis bei einer Weitergabe der Senkung.
- b) Beschreiben Sie die Wirkungen auf Investitionen und Preisniveau.
- c) Erläutern Sie, warum derselbe Zins für Länder in unterschiedlicher Konjunktur Probleme macht.
Grenzen der Geldpolitik: ein Zins für alle?
Die EZB setzt einen Leitzins für alle Euro-Länder („one size fits all“). Doch die Länder stehen konjunkturell unterschiedlich da: Wo die Wirtschaft überhitzt, wäre ein höherer Zins passend, wo sie schwächelt, ein niedriger. Dazu kommt: Fiskalpolitik, Löhne und Wettbewerbsfähigkeit bleiben national. Das zeigte die Eurokrise: Länder mit hoher Verschuldung und geringer Wettbewerbsfähigkeit konnten nicht mehr abwerten, und es gab keine gemeinsame Fiskalpolitik als Ausgleich.
Reformvorschläge und ihre Spannung zwischen national und supranational:
| Vorschlag | Pro | Contra |
|---|---|---|
| Fiskalunion | gemeinsamer Ausgleich | Verlust nationaler Haushaltshoheit |
| Eurobonds | niedrigere Zinsen für Schuldnerländer | Haftungsgemeinschaft, Fehlanreize |
| Strengere Regeln | Haushaltsdisziplin | Starrheit in Krisen, Durchsetzung schwierig |
Beim QE kauft die EZB große Mengen Anleihen: Das senkt Zinsen und soll Inflation und Wachstum stützen. Risiken sind steigende Vermögenspreise, Inflation, die Nähe zur Staatsfinanzierung und der Druck auf die Unabhängigkeit.
Die Eurokrise zeigte Konstruktionsfehler der Währungsunion. a) Erläutern Sie das Fehlen einer gemeinsamen Fiskalpolitik gegenüber einer einheitlichen Geldpolitik. b)…
Die Eurokrise zeigte Konstruktionsfehler der Währungsunion.
- a) Erläutern Sie das Fehlen einer gemeinsamen Fiskalpolitik gegenüber einer einheitlichen Geldpolitik.
- b) Erklären Sie die Rolle unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit.
- c) Erörtern Sie Reformvorschläge (Fiskalunion, Eurobonds, strengere Regeln) im Spannungsfeld zwischen nationaler und supranationaler Entscheidung.
Die EZB kaufte Staatsanleihen in großem Umfang (QE). a) Erläutern Sie die Wirkungsweise und das Ziel. b) Erörtern Sie Grenzen und Risiken (Inflation, Vermögenspreise,…
Die EZB kaufte Staatsanleihen in großem Umfang (QE).
- a) Erläutern Sie die Wirkungsweise und das Ziel.
- b) Erörtern Sie Grenzen und Risiken (Inflation, Vermögenspreise, Verbot monetärer Staatsfinanzierung, Unabhängigkeit).
- c) Beurteilen Sie, ob die EZB damit ihr Mandat überschritten hat.
Bei einer Inflation von 8 % in der Eurozone ist die Geldpolitik in Griechenland (hohe Verschuldung) und Deutschland (Vollbeschäftigung) betroffen. a) Erläutern Sie die…
Bei einer Inflation von 8 % in der Eurozone ist die Geldpolitik in Griechenland (hohe Verschuldung) und Deutschland (Vollbeschäftigung) betroffen.
- a) Erläutern Sie die unterschiedlichen Folgen höherer Leitzinsen.
- b) Erörtern Sie den Zielkonflikt der EZB.
- c) Beurteilen Sie, ob die EZB nationale Interessen berücksichtigen darf.
Zurück zum Anfang: Über den Leitzins im Euroraum entscheidet der EZB-Rat für alle gemeinsam. Er richtet sich am Preisniveau des gesamten Euroraums aus, deshalb passt er für Länder in unterschiedlicher Lage nicht immer.