Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenquote
Die Nachrichten melden: „Die Arbeitslosenquote in NRW ist im Juli leicht gesunken.“ Gleichzeitig kennen Sie vielleicht jemanden, der seit Monaten vergeblich eine Stelle sucht. Wie passt das zusammen? Und wie aussagekräftig ist eine einzige Prozentzahl für den Zustand eines ganzen Arbeitsmarktes? Beschäftigung ist eine der vier Zielgrößen des magischen Vierecks. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz verpflichtet den Staat auf diese Ziele. Beschäftigung kann mit Preisstabilität in Konflikt stehen (Zielkonflikt), und die Arbeitslosenquote gilt im Konjunkturzyklus als Spätindikator. Deshalb müssen Sie wissen, wie die Quote entsteht, wo ihre Grenzen liegen und was sie beeinflusst.
Erwerbspersonen und Arbeitslosenquote
Die Arbeitslosenquote setzt die Zahl der Arbeitslosen ins Verhältnis zu den Personen, die dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen. Das sind die Erwerbspersonen.
Warum bezieht man die Quote nicht auf die Gesamtbevölkerung? Weil Kinder, Rentner und Studierende gar nicht auf Arbeitssuche sind. Sie würden die Quote künstlich drücken und Vergleiche verfälschen, etwa zwischen einer Stadt mit vielen Rentnern und einer Universitätsstadt. Die Bezugsgröße muss zu dem passen, was man messen will: den Anteil der Arbeitssuchenden unter denen, die arbeiten könnten und wollen.
Erklären Sie den Unterschied zwischen »Arbeitslosen« und »Erwerbspersonen« und geben Sie die Formel für die Arbeitslosenquote an. Erläutern Sie in einem Satz, warum die…
Erklären Sie den Unterschied zwischen »Arbeitslosen« und »Erwerbspersonen« und geben Sie die Formel für die Arbeitslosenquote an. Erläutern Sie in einem Satz, warum die Quote auf die Erwerbspersonen und nicht auf die Gesamtbevölkerung bezogen wird.
In einer Region gibt es 40.000 Arbeitslose und 800.000 zivile Erwerbspersonen. a) Berechnen Sie die Arbeitslosenquote in Prozent. b) Nennen Sie die Behörde, die in…
In einer Region gibt es 40.000 Arbeitslose und 800.000 zivile Erwerbspersonen.
- a) Berechnen Sie die Arbeitslosenquote in Prozent.
- b) Nennen Sie die Behörde, die in Deutschland die offiziellen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht.
In einer Stadt leben 500.000 Einwohner. Davon sind 260.000 erwerbstätig und 20.000 arbeitslos gemeldet. Im Folgejahr sind 266.000 erwerbstätig und 16.000 arbeitslos; die…
In einer Stadt leben 500.000 Einwohner. Davon sind 260.000 erwerbstätig und 20.000 arbeitslos gemeldet. Im Folgejahr sind 266.000 erwerbstätig und 16.000 arbeitslos; die Zahl der Erwerbspersonen ist damit gestiegen.
- a) Berechnen Sie die Arbeitslosenquote in beiden Jahren (auf eine Nachkommastelle).
- b) Berechnen Sie die prozentuale Veränderung der Zahl der Arbeitslosen.
- c) Erklären Sie, wie die Arbeitslosenquote sinken kann, obwohl die Zahl der Arbeitslosen gleich bleibt.
Arten der Arbeitslosigkeit
Nicht jede Arbeitslosigkeit hat dieselbe Ursache, und deshalb helfen auch nicht überall dieselben Maßnahmen.
| Art | Ursache | Beispiel |
|---|---|---|
| konjunkturell | zu geringe gesamtwirtschaftliche Nachfrage im Abschwung | Entlassungen in einer Rezession |
| strukturell | Wandel von Branchen oder Technologien; Qualifikationen passen nicht zu den offenen Stellen | Stellenabbau bei Autozulieferern wegen Elektroantrieben |
| saisonal | regelmäßige jahreszeitliche Schwankungen | Bauarbeiter oder Gastronomie im Winter |
| friktionell (Sucharbeitslosigkeit) | kurze Übergangszeit beim Stellenwechsel | Wechsel nach dem Studium in den ersten Job |
Die ersten drei Arten sind die klassische Dreiteilung. Die friktionelle Arbeitslosigkeit gilt als unvermeidbar und teilweise sogar als sinnvoll, weil Menschen und Stellen sich erst finden müssen.
Saisonbereinigung
Die BA veröffentlicht neben den Originalwerten auch saisonbereinigte Zahlen. Dabei wird der regelmäßig wiederkehrende Jahresverlauf herausgerechnet. Ohne diesen Schritt würde man jeden Winteranstieg fälschlich für einen Konjunkturabschwung halten.
$$\text{Originalwert} = \text{saisonbereinigter Wert} + \text{saisonale Komponente}$$Beispiel: Im Januar werden 3,0 Mio. Arbeitslose gemeldet, saisonbereinigt sind es 2,8 Mio. Die saisonale Komponente beträgt dann $+0{,}2$ Mio. Das sind die Winterarbeitslosen, die im Sommer wieder arbeiten.
Nennen Sie die drei Hauptarten der Arbeitslosigkeit (konjunkturell, strukturell, saisonal) und ordnen Sie jeder Art ein passendes Beispiel zu: Bauarbeiter im Januar,…
Nennen Sie die drei Hauptarten der Arbeitslosigkeit (konjunkturell, strukturell, saisonal) und ordnen Sie jeder Art ein passendes Beispiel zu: Bauarbeiter im Januar, Stellenabbau bei Autozulieferern wegen des Umstiegs auf Elektroantriebe, Entlassungen in einer Rezession.
Die Bundesagentur für Arbeit meldet für den Januar 2,9 Mio. Arbeitslose, im Juli 2,6 Mio. Arbeitslose. Die saisonbereinigte Zahl liegt in beiden Monaten bei 2,7 Mio. a)…
Die Bundesagentur für Arbeit meldet für den Januar 2,9 Mio. Arbeitslose, im Juli 2,6 Mio. Arbeitslose. Die saisonbereinigte Zahl liegt in beiden Monaten bei 2,7 Mio.
- a) Erklären Sie, was »saisonbereinigt« bedeutet.
- b) Berechnen Sie die saisonale Komponente für Januar und Juli.
- c) Erläutern Sie, warum die Politik für die Beurteilung der Konjunktur saisonbereinigte Werte nutzt.
Ein Stahlwerk im Ruhrgebiet baut wegen neuer Produktionstechnik 800 von 3.000 Stellen ab. Gleichzeitig suchen Softwarefirmen in München Fachkräfte. a) Ordnen Sie die…
Ein Stahlwerk im Ruhrgebiet baut wegen neuer Produktionstechnik 800 von 3.000 Stellen ab. Gleichzeitig suchen Softwarefirmen in München Fachkräfte.
- a) Ordnen Sie die entstehende Arbeitslosigkeit begründet einer Art zu.
- b) Nennen Sie zwei Gründe, warum entlassene Stahlarbeiter die offenen Stellen nicht sofort besetzen können.
- c) Nennen Sie zu jedem der beiden Gründe aus b) je eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit, die hier helfen könnte.
Aussagekraft der Quote: Stille Reserve und Unterbeschäftigung
Die Quote ist ein Indikator. Ein Indikator vereinfacht die Wirklichkeit, und deshalb muss man nach seiner Validität fragen: Misst er wirklich, was er messen soll?
Die offizielle Quote erfasst nicht alle Menschen ohne Arbeit oder mit zu wenig Arbeit:
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Stille Reserve: Menschen, die gern arbeiten würden, sich aber entmutigt nicht mehr melden. Sie tauchen weder bei den Arbeitslosen noch bei den Erwerbstätigen auf.
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Maßnahmeteilnehmer: Wer an Weiterbildung oder Umschulung teilnimmt, gilt nicht als arbeitslos, ist aber auch nicht beschäftigt.
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Teilzeit und Minijobs: Wer weniger arbeitet, als er möchte, zählt als erwerbstätig.
Die BA veröffentlicht deshalb ergänzend die Unterbeschäftigung. Sie zählt u. a. Arbeitslose und Maßnahmeteilnehmer zusammen. Die Erwerbstätigenquote und die Erwerbslosenquote nach ILO-Konzept (Destatis) ergänzen das Bild, weil sie Ergebnisse unabhängig von der Registrierung bei einer Behörde zeigen.
Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 5,5 %. Kritiker verweisen auf die »Stille Reserve«, Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen und Minijobber in Teilzeit. a)…
Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 5,5 %. Kritiker verweisen auf die »Stille Reserve«, Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen und Minijobber in Teilzeit.
- a) Erläutern Sie, warum die offizielle Quote die tatsächliche Unterbeschäftigung unterschätzen kann.
- b) Beurteilen Sie die Aussagekraft der Arbeitslosenquote als Indikator für den Zustand des Arbeitsmarktes.
- c) Nennen Sie einen ergänzenden Indikator und begründen Sie seinen Nutzen.
Eine Volkswirtschaft hat 45 Mio. Erwerbspersonen und eine Arbeitslosenquote von 6 %. In einer Rezession sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um 500.000; zugleich verlassen…
Eine Volkswirtschaft hat 45 Mio. Erwerbspersonen und eine Arbeitslosenquote von 6 %. In einer Rezession sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um 500.000; zugleich verlassen 200.000 Personen entmutigt den Arbeitsmarkt (Stille Reserve).
- a) Berechnen Sie die neue Arbeitslosenquote.
- b) Vergleichen Sie sie mit der Quote, die sich ohne den Rückzug der 200.000 Personen ergeben hätte.
- c) Beurteilen Sie, was dieses Ergebnis für die Interpretation der Quote bedeutet.
Warum die Arbeitslosigkeit manchmal kaum steigt: Kurzarbeit
In der Finanzkrise 2008/09 brach die Wirtschaft stark ein, die Arbeitslosigkeit stieg jedoch kaum. Ein wichtiger Grund war Kurzarbeit. Statt Beschäftigte zu entlassen, reduzieren Betriebe die Arbeitszeit. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt den Beschäftigten Kurzarbeitergeld als teilweisen Ersatz des Nettolohnausfalls (in der Regel 60 %, mit Kind 67 %).
Ein zweites Instrument sind Arbeitszeitkonten. Bei guter Auftragslage werden Überstunden angesammelt, in der Flaute werden sie abgebaut, ohne dass Stellen wegfallen.
Kurzarbeit hilft bei vorübergehenden, konjunkturellen Einbrüchen. Bei strukturellem Wandel hält sie womöglich Arbeitsplätze am Leben, die langfristig nicht gebraucht werden. Dann kann sie notwendige Umschulung und Wechsel verzögern. Hier sind Qualifizierung und Arbeitsmarktpolitik die passenderen Instrumente, etwa Umschulung, Weiterbildung und Vermittlung durch die Bundesagentur für Arbeit.
Ein Wirtschaftsinstitut schreibt: »Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist trotz schwacher Konjunktur kaum gestiegen.« a) Nennen Sie zwei mögliche Erklärungen, etwa…
Ein Wirtschaftsinstitut schreibt: »Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist trotz schwacher Konjunktur kaum gestiegen.«
- a) Nennen Sie zwei mögliche Erklärungen, etwa Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten, und erläutern Sie deren Wirkungsweise.
- b) Erörtern Sie Vor- und Nachteile von Kurzarbeit aus Sicht von Unternehmen, Beschäftigten und Staat.
- c) Fällen Sie ein begründetes Urteil, ob Kurzarbeit bei strukturellem Wandel ein geeignetes Instrument ist.
Auf einen Blick
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Arbeitslosenquote $= \frac{\text{Arbeitslose}}{\text{zivile Erwerbspersonen}} \cdot 100\,\%$; die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht sie monatlich. Erwerbspersonen sind Erwerbstätige und Arbeitslose zusammen.
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Zahl und Quote können sich gegenläufig entwickeln, wenn sich die Zahl der Erwerbspersonen ändert. Veränderungen der Quote nennt man Prozentpunkte.
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Arten der Arbeitslosigkeit: konjunkturell, strukturell, saisonal (und friktionell). Saisonbereinigung rechnet den regelmäßigen Jahresverlauf heraus.
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Die Quote unterschätzt die tatsächliche Unterbeschäftigung (Stille Reserve, Maßnahmen, Teilzeit). Ergänzende Indikatoren sind Unterbeschäftigung und Erwerbstätigenquote.
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Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten dämpfen den Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Konjunkturflaute. Bei strukturellem Wandel sind sie nur eingeschränkt geeignet.
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Zurück zum Anfang: Die Quote kann sinken, weil Menschen eine Stelle finden, weil die Erwerbspersonen zunehmen oder weil sich Menschen zurückziehen. Erst die Ursache entscheidet, ob es eine gute Nachricht ist.