Arbeitsmarktpolitik
In einem Autozulieferbetrieb im Ruhrgebiet wird eine Fertigungslinie stillgelegt, 120 Beschäftigte verlieren ihre Stelle. Was passiert danach? Wer zahlt ihnen Geld, wer hilft bei der Suche, wer bezahlt eine Umschulung? Und lohnt sich das alles für die Gesellschaft? Diese Fragen beantwortet die Arbeitsmarktpolitik. Am Ende der Seite können Sie sie begründet beurteilen.
Bundesagentur für Arbeit: Aufgaben und Finanzierung
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Sitz in Nürnberg ist der zentrale Träger der Arbeitsmarktpolitik in Deutschland. Vor Ort arbeitet sie mit den Agenturen für Arbeit, zum Beispiel in Köln oder Dortmund. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehören:
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Beratung und Vermittlung von Arbeitsuchenden und Ausbildungsplatzsuchenden,
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Auszahlung von Lohnersatzleistungen wie dem Arbeitslosengeld I (ALG I) und dem Kurzarbeitergeld,
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Förderung von Qualifizierung (Weiterbildung, Umschulung),
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Arbeitsmarktbeobachtung und Statistik (monatliche Arbeitslosenzahlen).
Finanziert wird die BA vor allem aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung, einem Zweig der Sozialversicherung. Den Beitragssatz zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber je zur Hälfte. Er ist ein Prozentsatz des Bruttolohns, bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Das Bürgergeld (Grundsicherung) wird dagegen überwiegend aus Steuern des Bundes bezahlt (die Kosten der Unterkunft zum Teil von den Kommunen) und von den Jobcentern ausgezahlt, gemeinsamen Einrichtungen von BA und Kommunen. Das ist ein wichtiger Unterschied: ALG I ist eine Versicherungsleistung, Bürgergeld eine steuerfinanzierte Fürsorgeleistung.
Steigt die Arbeitslosigkeit, passiert gleichzeitig zweierlei: Es zahlen weniger Menschen Beiträge ein, und es müssen mehr Menschen Leistungen beziehen. Die Kasse kommt von zwei Seiten unter Druck. In Zeiten guter Konjunktur baut die BA dagegen Rücklagen auf.
Nennen Sie drei Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit und erklären Sie, wie sie finanziert wird.
Nennen Sie drei Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit und erklären Sie, wie sie finanziert wird.
Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt 2,6 % des Bruttolohns (je zur Hälfte Arbeitgeber und Arbeitnehmerin). Frau Becker verdient 3.500 € brutto im Monat.…
Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt 2,6 % des Bruttolohns (je zur Hälfte Arbeitgeber und Arbeitnehmerin). Frau Becker verdient 3.500 € brutto im Monat.
- a) Berechnen Sie ihren Monatsbeitrag und den des Arbeitgebers.
- b) Berechnen Sie den Jahresbeitrag insgesamt (Arbeitnehmerin und Arbeitgeber zusammen).
- c) Erläutern Sie, warum steigende Arbeitslosigkeit die Finanzierung der Versicherung belastet.
Aktive und passive Arbeitsmarktpolitik
Die Arbeitsmarktpolitik unterscheidet zwei Richtungen:
| Passiv | Aktiv | |
|---|---|---|
| Ziel | Einkommen sichern | Beschäftigung herstellen |
| Beispiele | Arbeitslosengeld I, Bürgergeld (Regelsatz), Kurzarbeitergeld | Arbeitsvermittlung, Weiterbildung, Umschulung, Eingliederungszuschüsse |
| Wirkung | stabilisiert Konsum, kann Suchdauer verlängern | erhöht Chancen am Arbeitsmarkt, kostet zunächst Geld |
Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt von der Art der Arbeitslosigkeit ab:
Die Arten der Arbeitslosigkeit werden im Abschnitt zur Arbeitslosenquote genauer behandelt. Hier genügt: Eine Maßnahme wirkt nur, wenn sie die Ursache trifft. Eine Umschulung hilft nicht, wenn schlicht die Nachfrage fehlt, und ein Konjunkturprogramm hilft nicht, wenn Qualifikationen nicht zu den offenen Stellen passen.
Lohnt sich aktive Arbeitsmarktpolitik?
Aktive Maßnahmen kosten sofort Geld, sparen aber später Leistungen und bringen Beiträge. Man vergleicht daher Kosten der Maßnahme mit den Kosten zusätzlicher Arbeitslosigkeit (Leistungen plus entgangene Beiträge).
Unterscheiden Sie aktive und passive Arbeitsmarktpolitik und nennen Sie je zwei Beispiele (z. B. Arbeitslosengeld I, Weiterbildungsförderung, Vermittlung, Bürgergeld).
Unterscheiden Sie aktive und passive Arbeitsmarktpolitik und nennen Sie je zwei Beispiele (z. B. Arbeitslosengeld I, Weiterbildungsförderung, Vermittlung, Bürgergeld).
Ordnen Sie jede Maßnahme der passenden Arbeitslosigkeitsart zu und begründen Sie kurz: a) Konjunkturprogramm mit Investitionen in Schulen b) Umschulung zum Pflegeberuf…
Ordnen Sie jede Maßnahme der passenden Arbeitslosigkeitsart zu und begründen Sie kurz:
- a) Konjunkturprogramm mit Investitionen in Schulen
- b) Umschulung zum Pflegeberuf
- c) Saison-Kurzarbeitergeld im Winter
Eine Weiterbildung kostet die Bundesagentur 8.000 € pro Teilnehmer. Ohne Weiterbildung würde der Teilnehmer 12 Monate länger arbeitslos bleiben, mit Kosten von 1.500 €…
Eine Weiterbildung kostet die Bundesagentur 8.000 € pro Teilnehmer. Ohne Weiterbildung würde der Teilnehmer 12 Monate länger arbeitslos bleiben, mit Kosten von 1.500 € pro Monat (Leistungen und entgangene Beiträge).
- a) Berechnen Sie die Kosten der zusätzlichen Arbeitslosigkeit.
- b) Prüfen Sie rechnerisch, ob sich die Maßnahme für die Kasse lohnt.
- c) Nennen Sie zwei nicht-monetäre Wirkungen.
Arbeitslosengeld: Einkommen, Stabilisator, Anreize
Das Arbeitslosengeld I beträgt 60 % des pauschalierten letzten Nettoentgelts (67 % bei Arbeitslosen mit Kind). Es wird nur für begrenzte Zeit gezahlt, die Dauer hängt von Versicherungszeit und Alter ab (in der Regel höchstens 12 Monate, bei Älteren länger). Danach folgt gegebenenfalls das Bürgergeld.
Automatischer Stabilisator
Das ALG I ist ein automatischer Stabilisator: Ohne dass der Bundestag etwas beschließen muss, wirkt es gegen den Abschwung. Fällt jemand in die Arbeitslosigkeit, sinkt sein Einkommen nur auf 60 %, nicht auf null. Er kann weiter einkaufen, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bricht weniger stark ein. Zugleich sinken die Beitragseinnahmen und die Ausgaben steigen. Das erhöht das Defizit der Kasse, das Geld wird aber in der Krise gebraucht (antizyklisch). Im Boom ist es umgekehrt.
Kontroverse: Kürzen oder erhöhen?
Über die Höhe der Leistungen wird politisch gestritten. Beide Positionen beruhen auf ökonomischen Annahmen:
| Position | Annahme | Argument |
|---|---|---|
| Leistungen kürzen | Arbeitslose reagieren stark auf finanzielle Anreize; der Abstand zum Lohn muss groß sein | kürzere Suchdauer, geringere Kosten, mehr Arbeitsangebot |
| Leistungen erhöhen | Arbeitslose suchen auch ohne Druck; Sicherheit ermöglicht passende Stellensuche | stabilere Nachfrage, weniger Armut, bessere Passung von Qualifikation und Stelle |
Ein Urteil verlangt Kriterien, zum Beispiel Effizienz (Kosten, Suchdauer), soziale Gerechtigkeit (Armutsvermeidung) und Konjunkturwirkung. Gewichten Sie die Kriterien offen und nennen Sie, unter welcher Annahme Ihr Urteil kippen würde. Beispiel: Wenn die Anreizwirkung empirisch gering ist, spricht wenig für Kürzungen.
Der kinderlose Herr Yilmaz erhält Arbeitslosengeld I in Höhe von 60 % seines letzten Nettogehalts von 2.400 €. a) Berechnen Sie sein monatliches Arbeitslosengeld I. b)…
Der kinderlose Herr Yilmaz erhält Arbeitslosengeld I in Höhe von 60 % seines letzten Nettogehalts von 2.400 €.
- a) Berechnen Sie sein monatliches Arbeitslosengeld I.
- b) Berechnen Sie den Einkommensverlust pro Jahr bei ganzjährigem Bezug.
- c) Erklären Sie, wie dieses Arbeitslosengeld als automatischer Stabilisator wirkt.
Ein Politiker fordert, das Arbeitslosengeld zu kürzen, um Anreize zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen. Ein anderer fordert höhere Leistungen für mehr soziale Sicherheit. a)…
Ein Politiker fordert, das Arbeitslosengeld zu kürzen, um Anreize zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen. Ein anderer fordert höhere Leistungen für mehr soziale Sicherheit.
- a) Erläutern Sie die jeweiligen ökonomischen Annahmen.
- b) Erörtern Sie beide Positionen unter Einbeziehung von Anreizwirkung, Nachfragestabilisierung und Suchdauer.
- c) Fällen Sie ein begründetes Urteil.
Mindestlohn: Modell und Wirklichkeit
Seit 2015 gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn, der von einer Mindestlohnkommission regelmäßig angepasst wird. Er ist ein Eingriff in den Preis (Lohn) des Faktors Arbeit.
Das neoklassische Modell
Im einfachen Arbeitsmarktmodell sinkt die Arbeitsnachfrage der Unternehmen mit steigendem Lohn, das Arbeitsangebot der Haushalte steigt. Beim Gleichgewichtslohn sind beide gleich. Liegt ein Mindestlohn über dem Gleichgewichtslohn, fragen Unternehmen weniger Arbeit nach, mehr Menschen wollen aber arbeiten: Es entsteht ein Angebotsüberschuss, also Arbeitslosigkeit.
Warum die Realität anders aussehen kann
Das Modell setzt vollständigen Wettbewerb und homogene Arbeit voraus. In der Wirklichkeit gibt es Gründe, warum der Effekt schwächer ausfällt oder ausbleibt:
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Marktmacht der Arbeitgeber (wenige Betriebe in einer Region): Der Marktlohn liegt dann unter der Produktivität, ein Mindestlohn kann Beschäftigung sogar erhöhen.
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Nachfrageeffekt: Höhere Löhne bedeuten mehr Konsum, das stützt die Nachfrage nach Produkten und damit nach Arbeit.
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Anpassung über andere Wege: Preiserhöhungen, geringere Gewinne, höhere Produktivität durch bessere Organisation statt Entlassungen.
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Geringere Fluktuation und weniger Kosten für Neueinstellungen.
Ein Mindestlohn von 12,41 € wird eingeführt. Der bisherige Marktlohn in einer Branche lag bei 10,50 €. a) Erklären Sie mit einem Angebots-Nachfrage-Modell die vom…
Ein Mindestlohn von 12,41 € wird eingeführt. Der bisherige Marktlohn in einer Branche lag bei 10,50 €.
- a) Erklären Sie mit einem Angebots-Nachfrage-Modell die vom neoklassischen Modell erwartete Wirkung auf die Beschäftigung.
- b) Nennen Sie zwei Argumente, warum die Wirkung in der Realität schwächer oder anders ausfallen kann.
- c) Beurteilen Sie den Mindestlohn im Zielkonflikt zwischen Beschäftigung und sozialer Gerechtigkeit.
Hartz-Reformen: Fördern und Fordern
Anfang der 2000er-Jahre lag die Arbeitslosigkeit hoch. Die Regierung setzte mit der Agenda 2010 und den Hartz-Gesetzen auf das Prinzip „Fördern und Fordern“:
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Fördern: bessere Vermittlung durch die Jobcenter, persönliche Ansprechpartner, Weiterbildung, Vermittlungsgutscheine.
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Fordern: strengere Zumutbarkeitsregeln (Arbeiten auch unterhalb der bisherigen Qualifikation), Mitwirkungspflichten, bei Pflichtverletzung Leistungskürzung (Sanktionen).
Weitere Elemente waren die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zu „Hartz IV“ (2005, später Bürgergeld), die Ausweitung von Minijobs und Midijobs und die Lockerung der Zeitarbeit.
Erfolge und Kritik
| Erfolge | Kritik |
|---|---|
| Rückgang der Arbeitslosigkeit in den Folgejahren | Ausweitung des Niedriglohnsektors |
| schnellere, intensivere Vermittlung | höheres Armutsrisiko für Langzeitarbeitslose |
| mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt | prekäre Beschäftigung, Druck auf Löhne |
Ein Urteil muss die Ursachen auseinanderhalten: Der Rückgang hängt auch mit der guten Weltkonjunktur und Lohnzurückhaltung zusammen, nicht nur mit den Reformen. Die Zuordnung ist deshalb schwierig.
Zuordnung zu einer Konzeption
Die Reformen sind überwiegend angebotsorientiert: Sie wollen das Arbeitsangebot und die Flexibilität erhöhen und die Lohnnebenkosten sowie Regulierung senken. Die Annahme dahinter lautet, dass Arbeitslosigkeit vor allem durch zu geringe Anreize und starre Regeln entsteht. Elemente der aktiven Arbeitsmarktpolitik (Qualifizierung, Vermittlung) bleiben aber Teil des Konzepts. Eine nachfrageorientierte Politik würde dagegen die Gesamtnachfrage stützen, etwa durch Staatsausgaben.
Die Hartz-Reformen (Agenda 2010) setzten auf »Fördern und Fordern«. a) Erläutern Sie das Prinzip anhand von zwei Maßnahmen. b) Erörtern Sie Erfolge (Rückgang der…
Die Hartz-Reformen (Agenda 2010) setzten auf »Fördern und Fordern«.
- a) Erläutern Sie das Prinzip anhand von zwei Maßnahmen.
- b) Erörtern Sie Erfolge (Rückgang der Arbeitslosigkeit) und Kritikpunkte (Niedriglohnsektor, Armutsrisiko).
- c) Ordnen Sie die Reformen einer wirtschaftspolitischen Konzeption zu und begründen Sie.
Zurück zum Anfang: Die 120 entlassenen Beschäftigten erhalten ALG I (passive Politik), werden von der Agentur für Arbeit beraten und bei Bedarf umgeschult (aktive Politik). Ob die Maßnahmen sinnvoll sind, prüft man anhand der Ursache der Arbeitslosigkeit, der Kosten und mit klaren Kriterien.
Auf einen Blick
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Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt, zahlt Lohnersatzleistungen, fördert Qualifizierung und beobachtet den Arbeitsmarkt. Sie wird vor allem aus Beiträgen (je zur Hälfte Arbeitgeber und Arbeitnehmer) finanziert, das Bürgergeld aus Steuern.
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Passive Politik sichert Einkommen (ALG I, Bürgergeld), aktive Politik verkürzt oder verhindert Arbeitslosigkeit (Vermittlung, Weiterbildung). Die Maßnahme muss zur Art der Arbeitslosigkeit passen.
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ALG I (60 % bzw. 67 % des Nettoentgelts) wirkt als automatischer Stabilisator. Der Streit um die Höhe ist ein Abwägen zwischen Anreizwirkung und Nachfrage- und Sicherheitswirkung.
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Der Mindestlohn über dem Gleichgewichtslohn führt im neoklassischen Modell zu Arbeitslosigkeit. In der Realität können Marktmacht, Nachfrageeffekte und Anpassungen das abschwächen.
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Die Hartz-Reformen („Fördern und Fordern“) sind überwiegend angebotsorientiert. Erfolgen stehen Niedriglohnsektor und Armutsrisiko gegenüber.