Verwertung von Kunststoffen und Bewertung
Du gibst im Supermarkt in Köln eine PET-Flasche am Pfandautomaten zurück und bekommst 25 Cent. Was passiert danach mit der Flasche? Und woran erkennst du, ob ein Produkt wirklich „gut für die Umwelt“ ist, wenn es so beworben wird? Genau darum geht es hier.
Der Weg eines Produkts
Ein Kunststoffprodukt hat ein „Leben“ mit mehreren Stationen. Am Beispiel der PET-Pfandflasche:
-
Rohstoffgewinnung: Erdöl wird gefördert und in einer Raffinerie destilliert. Dabei fällt Rohbenzin (Naphtha) an.
-
Monomere: Im Chemiepark (z. B. in Marl) entstehen aus Naphtha durch Cracken die Ausgangsstoffe, aus denen die Monomere Terephthalsäure und Ethan-1,2-diol hergestellt werden.
-
Kunststoff: Die Monomere werden durch Polykondensation zu PET verknüpft, das als Granulat vorliegt.
-
Produktion: Aus dem Granulat werden Flaschen geblasen.
-
Nutzung: Befüllen, Verkauf, Gebrauch.
-
Rückgabe und Verwertung: Pfandrückgabe, Sortieren, Recycling oder Verbrennung.
Alternativ können nachwachsende Rohstoffe (z. B. Zuckerrohr, Mais) die Ausgangsbasis sein.
Eine PET-Pfandflasche beginnt als Rohstoff Erdöl in einer Raffinerie, in der Rohbenzin (Naphtha) abgetrennt wird. Im Chemiepark entstehen daraus Monomere, die zu PET…
Eine PET-Pfandflasche beginnt als Rohstoff Erdöl in einer Raffinerie, in der Rohbenzin (Naphtha) abgetrennt wird. Im Chemiepark entstehen daraus Monomere, die zu PET verarbeitet werden. Das Granulat wird zu Flaschen geblasen, abgefüllt, im Supermarkt verkauft, von Kundinnen und Kunden zurückgegeben und schließlich verwertet.
- a) Beschreiben Sie den Weg einer PET-Flasche von der Rohstoffgewinnung bis zur Verwertung in Stationen.
- b) Nennen Sie die drei grundsätzlichen Möglichkeiten der Kunststoffverwertung und ordnen Sie ihnen jeweils ein Kernmerkmal zu.
- c) Erläutern Sie den Zweck des Pfandsystems für Getränkeflaschen.
Werkstoffliches Recycling und Sortieren
Beim werkstofflichen Recycling werden Kunststoffe sortiert, gereinigt, zerkleinert und eingeschmolzen. Die Makromoleküle bleiben erhalten. Das geht nur bei Thermoplasten, weil sie beim Erwärmen erweichen.
Duroplaste und Elastomere sind vernetzt. Die Hauptvalenzbindungen zwischen den Ketten brechen beim Erhitzen eher als dass die Masse fließt: Sie zersetzen sich, statt zu schmelzen.
Schwimm-Sink-Trennung
Kunststoffe unterscheiden sich in der Dichte. In Wasser ($\rho = 1{,}00\,\mathrm{g/cm^3}$) gilt:
-
$\rho(\text{Kunststoff}) < \rho(\text{Wasser})$: Der Kunststoff schwimmt.
-
$\rho(\text{Kunststoff}) > \rho(\text{Wasser})$: Er sinkt.
Eine Sortieranlage trennt einen Gemisch-Abfall aus Verpackungen durch Schwimm-Sink-Trennung in Wasser ($\rho = 1{,}00\,\mathrm{g/cm^3}$). | Kunststoff | Dichte in g/cm³…
Eine Sortieranlage trennt einen Gemisch-Abfall aus Verpackungen durch Schwimm-Sink-Trennung in Wasser ($\rho = 1{,}00\,\mathrm{g/cm^3}$).
| Kunststoff | Dichte in g/cm³ |
|---|---|
| PP | 0,91 |
| PE | 0,95 |
| PS | 1,05 |
| PET | 1,38 |
| PVC | 1,40 |
- a) Ordnen Sie die Kunststoffe nach Schwimmern und Sinkern in Wasser.
- b) Erklären Sie das Prinzip der Schwimm-Sink-Trennung.
- c) Erklären Sie, warum Duroplaste und Elastomere nicht durch Einschmelzen werkstofflich verwertet werden können.
Rohstoffliche und energetische Verwertung
Rohstoffliches Recycling: Die Makromoleküle werden zerlegt, z. B. durch Pyrolyse (Erhitzen unter Luftabschluss; es entstehen Pyrolyseöl, Gas und Koks) oder Depolymerisation (Rückgewinnung der Monomere). Die Produkte dienen wieder als Rohstoffe der chemischen Industrie. Das geht auch bei verschmutzten oder gemischten Abfällen, braucht aber viel Energie.
Energetische Verwertung: Kunststoffe werden in der Müllverbrennungsanlage verbrannt, die freiwerdende Wärme wird genutzt (Strom, Fernwärme). Der Kunststoff selbst ist danach verloren, es entsteht $\mathrm{CO_2}$.
| Verfahren | Kernmerkmal | Beispielprodukt |
|---|---|---|
| werkstofflich | Kunststoff bleibt als Material erhalten | Rezyklat-Granulat |
| rohstofflich | Zerlegen in Rohstoffe/Monomere | Monomere, Pyrolyseöl |
| energetisch | Verbrennen, Wärme nutzen | Strom, Fernwärme |
In einer Müllverbrennungsanlage werden Kunststoffabfälle energetisch verwertet. Der Heizwert von Polyethen beträgt etwa $43\,\mathrm{MJ/kg}$. Polyethen wird vereinfacht…
In einer Müllverbrennungsanlage werden Kunststoffabfälle energetisch verwertet. Der Heizwert von Polyethen beträgt etwa $43\,\mathrm{MJ/kg}$. Polyethen wird vereinfacht als $(\mathrm{CH_2})_n$ beschrieben. Es gilt $M(\mathrm{CH_2}) = 14{,}0\,\mathrm{g/mol}$ und $M(\mathrm{CO_2}) = 44{,}0\,\mathrm{g/mol}$.
- a) Berechnen Sie die Energie, die bei der Verbrennung von $250\,\mathrm{kg}$ Polyethen freigesetzt wird.
- b) Stellen Sie die Reaktionsgleichung der vollständigen Verbrennung von $\mathrm{CH_2}$-Einheiten auf und berechnen Sie die Masse an Kohlenstoffdioxid, die bei der Verbrennung von $1{,}00\,\mathrm{kg}$ Polyethen entsteht.
- c) Nennen Sie je einen Vor- und einen Nachteil der energetischen Verwertung.
In einer Region fallen $80\,\mathrm{t}$ gesammelte PET-Flaschen an. Verfahren und angenommene Kennzahlen: Werkstoffliches Recycling: $90\,\%$ der Menge sind sortenrein…
In einer Region fallen $80\,\mathrm{t}$ gesammelte PET-Flaschen an. Verfahren und angenommene Kennzahlen:
-
Werkstoffliches Recycling: $90\,\%$ der Menge sind sortenrein und verwertbar, davon werden $85\,\%$ zu Rezyklat-Granulat.
-
Rohstoffliches Recycling (Depolymerisation): $80\,\%$ der Gesamtmenge werden zu Monomeren umgesetzt.
-
Energetische Verwertung: Heizwert von PET $23\,\mathrm{MJ/kg}$.
- a) Erläutern Sie die drei Verfahren und nennen Sie jeweils ein Produkt.
- b) Berechnen Sie die Masse an Rezyklat-Granulat, die Masse an Monomeren und die bei vollständiger Verbrennung der $80\,\mathrm{t}$ freigesetzte Energie.
- c) Vergleichen Sie die drei Verfahren anhand geeigneter Kriterien und geben Sie eine begründete Rangfolge an.
Bei der Pyrolyse (rohstoffliche Verwertung) von $1{,}00\,\mathrm{t}$ Polyethen-Abfall unter Luftabschluss entstehen laut Messung: $700\,\mathrm{kg}$ Pyrolyseöl,…
Bei der Pyrolyse (rohstoffliche Verwertung) von $1{,}00\,\mathrm{t}$ Polyethen-Abfall unter Luftabschluss entstehen laut Messung: $700\,\mathrm{kg}$ Pyrolyseöl, $200\,\mathrm{kg}$ Pyrolysegas und $100\,\mathrm{kg}$ Koks. Der Prozess benötigt $3\,000\,\mathrm{MJ}$ Energie je Tonne Einsatz.
| Produkt | Heizwert |
|---|---|
| Pyrolyseöl | 41 MJ/kg |
| Pyrolysegas | 48 MJ/kg |
| Koks | 30 MJ/kg |
| Polyethen | 43 MJ/kg |
- a) Berechnen Sie die im Pyrolyseprodukt gespeicherte Energie und die Energie bei direkter Verbrennung von $1{,}00\,\mathrm{t}$ Polyethen. Berechnen Sie außerdem die Nettoenergie nach Abzug des Prozessenergiebedarfs.
- b) Erläutern Sie, wie das Pyrolyseöl stofflich genutzt werden kann, und grenzen Sie das Verfahren von der energetischen Verwertung ab.
- c) Bewerten Sie das Pyrolyseverfahren im Vergleich zum werkstofflichen Recycling und zur Müllverbrennung im Hinblick auf Nachhaltigkeitsziele.
Biobasiert oder biologisch abbaubar?
Zwei Begriffe, die oft verwechselt werden:
Beide Eigenschaften sind unabhängig voneinander:
| Material | biobasiert | biologisch abbaubar |
|---|---|---|
| Bio-PE (Zuckerrohr) | ja | nein |
| PLA (Mais) | ja | nur industriell |
| PET (Erdöl) | nein | nein |
| Kunststoff C (Erdöl) | nein | ja |
Wichtig ist auch die Bedingung: PLA wird bei $58\,°\mathrm{C}$ in der Industrieanlage zu $90\,\%$ in 12 Wochen abgebaut, im Gartenkompost bei $20\,°\mathrm{C}$ nur zu $5\,\%$. Laborwerte gelten nicht automatisch unter Realbedingungen.
Vier Verpackungsmaterialien werden hinsichtlich Rohstoffbasis und Abbaubarkeit verglichen: | Material | Rohstoff | Abbaubarkeit | |---|---|---| | Bio-PE | Zuckerrohr |…
Vier Verpackungsmaterialien werden hinsichtlich Rohstoffbasis und Abbaubarkeit verglichen:
| Material | Rohstoff | Abbaubarkeit |
|---|---|---|
| Bio-PE | Zuckerrohr | nicht biologisch abbaubar |
| PLA | Mais | industriell kompostierbar bei $58\,°\mathrm{C}$ |
| Kunststoff C | Erdöl | biologisch abbaubar |
| PET | Erdöl | nicht biologisch abbaubar |
Für PLA liegt eine Messreihe vor:
| Bedingungen | Abbau nach 12 Wochen |
|---|---|
| Industrieanlage, $58\,°\mathrm{C}$ | $90\,\%$ |
| Gartenkompost, $20\,°\mathrm{C}$ | $5\,\%$ |
- a) Erklären Sie die Begriffe „biobasiert“ und „biologisch abbaubar“ und weisen Sie jedem Material aus der Tabelle die zutreffenden Merkmale zu.
- b) Begründen Sie, warum biobasiert nicht gleichbedeutend mit biologisch abbaubar ist.
- c) Beurteilen Sie die Aussage: „PLA-Verpackungen können bedenkenlos im Garten kompostiert werden.“
Produkte bewerten: Ökobilanz und drei Dimensionen
Ob „Mehrweg“ oder „Einweg“, „Kunststoff“ oder „Alternative“ besser ist, entscheidest du mit Kriterien und Daten. Die Bewertung erfolgt immer in drei Dimensionen der Nachhaltigkeit:
-
ökologisch: Energiebedarf, Rohstoffe, Abfallmenge, $\mathrm{CO_2}$, Wasser
-
ökonomisch: Kosten, Wirtschaftlichkeit
-
sozial: Arbeitsbedingungen, Gesundheit, Sauberkeit, Akzeptanz, Praktikabilität
Eine Ökobilanz betrachtet den gesamten Lebensweg (Herstellung, Nutzung, Entsorgung). Ein formales Verfahren musst du nicht kennen; du rechnest mit gegebenen Daten.
Bei einer Kostenrechnung (z. B. Dortmunder Wochenmarkt: Mehrweg-Box aus PP gegen Einweg-Schale aus PLA) gehst du ebenso vor: Gesamtmasse = Masse je Stück · Stückzahl, wobei die Stückzahl = Nutzungen : Nutzungen je Stück ist. Für $10\,000$ Nutzungen und $200$ Nutzungen je Box sind das $50$ Boxen, also $50\cdot 120\,\mathrm{g} = 6{,}0\,\mathrm{kg}$ PP. Die Einweg-Schale braucht $10\,000\cdot 25\,\mathrm{g} = 250\,\mathrm{kg}$ PLA. Dazu kommen Kosten und Spülwasser (Mehrweg: $10\,000\cdot 0{,}5\,\mathrm{L} = 5\,000\,\mathrm{L}$).
Ein Getränkehersteller vergleicht Mehrweg- und Einwegflaschen aus Kunststoff: | | Mehrweg-PET | Einweg-PET | |---|---|---| | Energiebedarf Herstellung je Flasche | 5,0…
Ein Getränkehersteller vergleicht Mehrweg- und Einwegflaschen aus Kunststoff:
| Mehrweg-PET | Einweg-PET | |
|---|---|---|
| Energiebedarf Herstellung je Flasche | 5,0 MJ | 3,0 MJ |
| Umläufe | 25 | 1 |
| Energiebedarf Reinigung je Umlauf | 0,4 MJ | – |
- a) Berechnen Sie den Energiebedarf je Befüllung für beide Flaschentypen.
- b) Berechnen Sie, ab welcher Umlaufzahl die Mehrwegflasche je Befüllung weniger Energie benötigt als die Einwegflasche.
- c) Bewerten Sie beide Systeme unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten und benennen Sie Grenzen des Vergleichs.
Die Stadt Dortmund möchte für den Wochenmarkt Verpackungen für Speisen einführen und vergleicht zwei Systeme für $10\,000$ Nutzungen. | | Mehrweg-Box aus PP |…
Die Stadt Dortmund möchte für den Wochenmarkt Verpackungen für Speisen einführen und vergleicht zwei Systeme für $10\,000$ Nutzungen.
| Mehrweg-Box aus PP | Einweg-Schale aus PLA | |
|---|---|---|
| Masse je Stück | 120 g | 25 g |
| Nutzungen je Stück | 200 | 1 |
| Anschaffungspreis je Stück | 3,50 € | 0,12 € |
| Spülung je Nutzung | 0,5 L Wasser, 0,05 € | – |
| Entsorgung | werkstoffliches Recycling | industrielle Kompostierung oder Müllverbrennung |
- a) Berechnen Sie für beide Systeme die Gesamtmasse an Kunststoff, die Gesamtkosten und das Volumen an Spülwasser für $10\,000$ Nutzungen.
- b) Bewerten Sie die beiden Systeme unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten.
- c) Geben Sie eine begründete Handlungsempfehlung für die Stadt ab und nennen Sie Bedingungen, unter denen Ihre Empfehlung nicht mehr gelten würde.
Werbeaussagen kritisch prüfen
Aussagen wie „gut für die Umwelt“ musst du prüfen. Frage:
-
Quelle: Wer sagt das? Welche Intention hat die Quelle? Ein Hersteller will verkaufen, das Umweltbundesamt will informieren.
-
Belege: Gibt es Messdaten, unter welchen Bedingungen?
-
Begriffe: Bedeutet „zerfällt“ dasselbe wie „wird abgebaut“?
Greenwashing nennt man es, wenn ein Produkt umweltfreundlicher dargestellt wird, als es ist.
Ein Hersteller wirbt auf seinen Wegwerfbechern: „Unser oxo-abbaubarer Kunststoff zerfällt innerhalb von zwei Jahren rückstandsfrei – gut für die Umwelt!“ In einer…
Ein Hersteller wirbt auf seinen Wegwerfbechern: „Unser oxo-abbaubarer Kunststoff zerfällt innerhalb von zwei Jahren rückstandsfrei – gut für die Umwelt!“ In einer unabhängigen Untersuchung wurde dieser Kunststoff unter Freilandbedingungen beobachtet:
| Beobachtung nach 24 Monaten | Ergebnis |
|---|---|
| Zerfall in Fragmente kleiner als 5 mm | ja, nahezu vollständig |
| Anteil der Masse, der zu $\mathrm{CO_2}$ und Wasser umgesetzt wurde | $3\,\%$ |
| Fragmente auffindbar im Boden | ja |
Die Studie wurde vom Umweltbundesamt zusammengefasst. Der Werbetext stammt vom Hersteller.
- a) Analysieren Sie beide Quellen im Hinblick auf Herkunft, Intention und Aussagekraft.
- b) Beurteilen Sie die Werbeaussage anhand der Messwerte.
- c) Leiten Sie Handlungsoptionen für Verbraucherinnen und Verbraucher sowie für den Gesetzgeber ab.
Auf einen Blick
-
Weg eines Produkts: Rohstoff (Erdöl → Naphtha oder nachwachsende Rohstoffe) → Monomere → Kunststoff → Produkt → Nutzung → Verwertung.
-
Werkstofflich: Einschmelzen sortenreiner Thermoplaste; Trennung z. B. durch Schwimm-Sink-Trennung nach Dichte. Duroplaste und Elastomere sind vernetzt und schmelzen nicht.
-
Rohstofflich: Pyrolyse oder Depolymerisation liefert Rohstoffe/Monomere. Energetisch: Verbrennung, Wärmenutzung, $\mathrm{CO_2}$-Freisetzung.
-
Biobasiert (Herkunft) ≠ biologisch abbaubar (Verhalten, abhängig von Bedingungen).
-
Bewertung immer ökologisch, ökonomisch und sozial, mit Daten und mit Blick auf die Grenzen des Vergleichs.
-
Werbeaussagen: Quelle und Intention prüfen, Fragmentierung ist kein biologischer Abbau.
Zurück zum Anfang: Die Pfandflasche wird sortenrein gesammelt und kann werkstofflich oder rohstofflich recycelt werden. Ob ein Produkt „gut für die Umwelt“ ist, zeigt erst eine Bewertung mit Daten in drei Dimensionen.