Arbeitsmarktpolitik
Ein Autozulieferer in Duisburg schließt sein Werk, 400 Beschäftigte verlieren ihre Stelle. Was passiert jetzt mit ihnen? Wer zahlt, wer hilft bei der Suche, und welche Regeln sollen dafür sorgen, dass möglichst viele schnell wieder Arbeit finden? Genau das regelt die Arbeitsmarktpolitik.
Aktive und passive Arbeitsmarktpolitik
Der Staat kann auf zwei Arten auf Arbeitslosigkeit reagieren: Er kann die Folgen für die Betroffenen abmildern oder die Ursachen bekämpfen, indem er die Chancen auf Arbeit verbessert.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) mit Sitz in Nürnberg ist der zentrale Akteur. Ihre Agenturen für Arbeit (z. B. in Köln, Dortmund, Essen) übernehmen:
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Arbeitsvermittlung und Beratung,
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Auszahlung des Arbeitslosengeldes I,
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Förderung von Weiterbildung und Umschulung,
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Berufsberatung für Schülerinnen und Schüler,
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Auszahlung von Kurzarbeitergeld,
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Erfassung der Arbeitslosen und Veröffentlichung der Arbeitsmarktstatistik.
Die BA ermittelt auch die Arbeitslosenquote: Arbeitslose : zivile Erwerbspersonen · 100 %. Sie ist ein Indikator für die Zielgröße Beschäftigung, aber ihre Aussagekraft ist begrenzt: Verdeckte Arbeitslosigkeit (z. B. Teilnehmende an Maßnahmen) erfasst sie nicht.
Die BA finanziert sich überwiegend aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung. Sie werden je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gezahlt und direkt vom Bruttolohn abgezogen. Das Bürgergeld wird dagegen aus Steuermitteln finanziert.
Unterscheiden Sie aktive und passive Arbeitsmarktpolitik und nennen Sie je zwei Beispiele (z. B. Arbeitslosengeld I, Weiterbildungsförderung, Vermittlung, Bürgergeld).
Unterscheiden Sie aktive und passive Arbeitsmarktpolitik und nennen Sie je zwei Beispiele (z. B. Arbeitslosengeld I, Weiterbildungsförderung, Vermittlung, Bürgergeld).
Nennen Sie drei Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit und erklären Sie, wie sie finanziert wird.
Nennen Sie drei Aufgaben der Bundesagentur für Arbeit und erklären Sie, wie sie finanziert wird.
Maßnahmen und Arten der Arbeitslosigkeit
Welche Maßnahme passt, hängt von der Ursache ab. Wirtschaftspolitisch unterscheidet man: Ein Konjunkturprogramm oder Kurzarbeitergeld steuert den Konjunkturverlauf und ist prozesspolitisch. Weiterbildung und Umschulung verändern die Qualifikationsstruktur und sind strukturpolitisch. Die Regeln des Arbeitsmarkts selbst (z. B. Mindestlohn, Kündigungsschutz) gehören zur Ordnungspolitik. Beurteile eine Maßnahme immer nach Kriterien wie Effizienz und sozialer Gerechtigkeit.
| Art | Ursache | Passende Maßnahme |
|---|---|---|
| konjunkturell | Nachfrage fehlt im Abschwung | Konjunkturprogramm, Kurzarbeitergeld |
| strukturell | Qualifikation passt nicht zu offenen Stellen (z. B. Strukturwandel im Ruhrgebiet) | Weiterbildung, Umschulung |
| saisonal | Jahreszeit (Bau, Gastronomie) | Saison-Kurzarbeitergeld, Überbrückung |
| friktionell | Wechsel zwischen Stellen | Vermittlung, Information |
Ordnen Sie jede Maßnahme der passenden Arbeitslosigkeitsart zu und begründen Sie kurz: a) Konjunkturprogramm mit Investitionen in Schulen b) Umschulung zum Pflegeberuf…
Ordnen Sie jede Maßnahme der passenden Arbeitslosigkeitsart zu und begründen Sie kurz:
- a) Konjunkturprogramm mit Investitionen in Schulen
- b) Umschulung zum Pflegeberuf
- c) Saison-Kurzarbeitergeld im Winter
Finanzierung und Kosten
Die Arbeitslosenversicherung funktioniert nach dem Umlageprinzip: Die Beiträge der Beschäftigten finanzieren die Leistungen der Arbeitslosen.
Steigt die Arbeitslosigkeit, zahlen weniger Menschen Beiträge ein und gleichzeitig steigen die Ausgaben für Leistungen. Die Versicherung wird doppelt belastet.
Lohnt sich eine Weiterbildung?
Aktive Maßnahmen kosten zuerst Geld, können aber später sparen. Man vergleicht die Kosten der Maßnahme mit den Kosten der längeren Arbeitslosigkeit.
Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt 2,6 % des Bruttolohns (je zur Hälfte Arbeitgeber und Arbeitnehmerin). Frau Becker verdient 3.500 € brutto im Monat.…
Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt 2,6 % des Bruttolohns (je zur Hälfte Arbeitgeber und Arbeitnehmerin). Frau Becker verdient 3.500 € brutto im Monat.
- a) Berechnen Sie ihren Monatsbeitrag und den des Arbeitgebers.
- b) Berechnen Sie den Jahresbeitrag insgesamt (Arbeitnehmerin und Arbeitgeber zusammen).
- c) Erläutern Sie, warum steigende Arbeitslosigkeit die Finanzierung der Versicherung belastet.
Eine Weiterbildung kostet die Bundesagentur 8.000 € pro Teilnehmer. Ohne Weiterbildung würde der Teilnehmer 12 Monate länger arbeitslos bleiben, mit Kosten von 1.500 €…
Eine Weiterbildung kostet die Bundesagentur 8.000 € pro Teilnehmer. Ohne Weiterbildung würde der Teilnehmer 12 Monate länger arbeitslos bleiben, mit Kosten von 1.500 € pro Monat (Leistungen und entgangene Beiträge).
- a) Berechnen Sie die Kosten der zusätzlichen Arbeitslosigkeit.
- b) Prüfen Sie rechnerisch, ob sich die Maßnahme für die Kasse lohnt.
- c) Nennen Sie zwei nicht-monetäre Wirkungen.
Arbeitslosengeld als automatischer Stabilisator
Das Arbeitslosengeld I beträgt 60 % des letzten Nettogehalts (67 % mit Kind).
Im Abschwung steigt die Arbeitslosigkeit, doch die Haushalte fallen nicht auf null: Das ALG I stützt den Konsum und damit die Nachfrage. Im Aufschwung sinken die Ausgaben, die Beiträge steigen. Das geschieht automatisch, ohne neue Gesetze. Deshalb nennt man das Arbeitslosengeld einen automatischen Stabilisator. Er wirkt antizyklisch und ergänzt die diskretionäre antizyklische Fiskalpolitik (z. B. Konjunkturprogramme). Sein Reichweite ist begrenzt: Er dämpft Schwankungen nur, er beseitigt sie nicht, und er setzt voraus, dass die Haushalte das Geld tatsächlich konsumieren.
Der kinderlose Herr Yilmaz erhält Arbeitslosengeld I in Höhe von 60 % seines letzten Nettogehalts von 2.400 €. a) Berechnen Sie sein monatliches Arbeitslosengeld I. b)…
Der kinderlose Herr Yilmaz erhält Arbeitslosengeld I in Höhe von 60 % seines letzten Nettogehalts von 2.400 €.
- a) Berechnen Sie sein monatliches Arbeitslosengeld I.
- b) Berechnen Sie den Einkommensverlust pro Jahr bei ganzjährigem Bezug.
- c) Erklären Sie, wie dieses Arbeitslosengeld als automatischer Stabilisator wirkt.
Anreize und Mindestlohn
Wie hoch sollten Leistungen sein? Hier stehen zwei Positionen gegeneinander.
| Leistungen kürzen | Leistungen erhöhen | |
|---|---|---|
| Annahme | Hohe Leistungen senken den Anreiz, Arbeit anzunehmen; Suchdauer wird länger | Sicherheit ermöglicht bessere Stellensuche; stützt die Nachfrage |
| Wertvorstellung | Eigenverantwortung, Effizienz | soziale Gerechtigkeit, Sicherheit |
| Gefahr | Armutsrisiko, weniger Konsum | geringere Arbeitsanreize, höhere Kosten |
Ein Urteil verlangt Kriterien (Effizienz, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit der Finanzierung) und eine Abwägung.
Mindestlohn
Der gesetzliche Mindestlohn legt eine Untergrenze fest. Im einfachen neoklassischen Modell liegt er über dem Gleichgewichtslohn: Das angebotene Arbeitsvolumen steigt (Bewegung entlang der Angebotskurve), die nachgefragte Arbeitsmenge der Unternehmen sinkt, es entsteht Arbeitslosigkeit. In der Grafik ist das Gleichgewicht G der Schnittpunkt beider Kurven; der Abstand zwischen „nachgefragt“ und „angeboten“ auf Höhe des Mindestlohns ist der Angebotsüberschuss.
In der Realität fällt die Wirkung oft schwächer aus, weil:
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Unternehmen bei Marktmacht (Monopsonmacht) Löhne unter dem Wettbewerbsniveau zahlen,
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höhere Löhne mehr Kaufkraft und Nachfrage schaffen,
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Produktivität und Motivation steigen können.
Ein Politiker fordert, das Arbeitslosengeld zu kürzen, um Anreize zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen. Ein anderer fordert höhere Leistungen für mehr soziale Sicherheit. a)…
Ein Politiker fordert, das Arbeitslosengeld zu kürzen, um Anreize zur Arbeitsaufnahme zu erhöhen. Ein anderer fordert höhere Leistungen für mehr soziale Sicherheit.
- a) Erläutern Sie die jeweiligen ökonomischen Annahmen.
- b) Erörtern Sie beide Positionen unter Einbeziehung von Anreizwirkung, Nachfragestabilisierung und Suchdauer.
- c) Fällen Sie ein begründetes Urteil.
Ein Mindestlohn von 12,41 € wird eingeführt. Der bisherige Marktlohn in einer Branche lag bei 10,50 €. a) Erklären Sie mit einem Angebots-Nachfrage-Modell die vom…
Ein Mindestlohn von 12,41 € wird eingeführt. Der bisherige Marktlohn in einer Branche lag bei 10,50 €.
- a) Erklären Sie mit einem Angebots-Nachfrage-Modell die vom neoklassischen Modell erwartete Wirkung auf die Beschäftigung.
- b) Nennen Sie zwei Argumente, warum die Wirkung in der Realität schwächer oder anders ausfallen kann.
- c) Beurteilen Sie den Mindestlohn im Zielkonflikt zwischen Beschäftigung und sozialer Gerechtigkeit.
Hartz-Reformen: Fördern und Fordern
Die Agenda 2010 (2003–2005) folgte dem Prinzip „Fördern und Fordern“.
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Fördern: Vermittlung durch Jobcenter, Weiterbildung, Eingliederungszuschüsse, Existenzgründungsförderung.
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Fordern: Zumutbarkeitsregeln, Sanktionen, kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes, Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe (Arbeitslosengeld II, heute Bürgergeld).
Erfolge: Rückgang der Arbeitslosigkeit, mehr Flexibilität (Minijobs, Zeitarbeit).
Kritik: wachsender Niedriglohnsektor, Armutsrisiko, Druck zur Annahme schlechter Stellen.
Die Reformen stärkten Anreize und Flexibilität auf der Angebotsseite. Sie lassen sich daher überwiegend der angebotsorientierten Konzeption zuordnen. Die sozialen Kosten sprechen für eine Abwägung nach Kriterien wie Effizienz und Gerechtigkeit.
Die angebotsorientierte Konzeption nimmt an, dass Arbeitslosigkeit auch durch zu geringe Anreize und zu wenig Flexibilität entsteht; ihre Wertvorstellung ist Eigenverantwortung. Die nachfrageorientierte Konzeption nimmt dagegen an, dass vor allem Nachfrage fehlt, und betont soziale Sicherheit sowie staatliche Stabilisierung der Nachfrage.
Die Hartz-Reformen (Agenda 2010) setzten auf »Fördern und Fordern«. a) Erläutern Sie das Prinzip anhand von zwei Maßnahmen. b) Erörtern Sie Erfolge (Rückgang der…
Die Hartz-Reformen (Agenda 2010) setzten auf »Fördern und Fordern«.
- a) Erläutern Sie das Prinzip anhand von zwei Maßnahmen.
- b) Erörtern Sie Erfolge (Rückgang der Arbeitslosigkeit) und Kritikpunkte (Niedriglohnsektor, Armutsrisiko).
- c) Ordnen Sie die Reformen einer wirtschaftspolitischen Konzeption zu und begründen Sie.
Zurück zum Anfang: Für die 400 Beschäftigten in Duisburg sichert das Arbeitslosengeld I das Einkommen (passiv), während Vermittlung und Umschulung (aktiv) die Rückkehr in Arbeit erleichtern.
Auf einen Blick
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Passive Arbeitsmarktpolitik sichert das Einkommen (ALG I, Bürgergeld), aktive verbessert die Beschäftigungschancen (Vermittlung, Weiterbildung).
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Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt und zahlt aus; sie finanziert sich v. a. aus Beiträgen (2,6 % je zur Hälfte), das Bürgergeld aus Steuern.
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Maßnahmen müssen zur Art der Arbeitslosigkeit passen: konjunkturell, strukturell, saisonal.
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Das ALG I (60 % des letzten Nettos) wirkt als automatischer Stabilisator.
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Mindestlohn und Leistungshöhe sind Zielkonflikte zwischen Beschäftigung, Effizienz und sozialer Gerechtigkeit.
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Die Hartz-Reformen folgten „Fördern und Fordern“ und sind überwiegend angebotsorientiert.