Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenquote
Die Bundesagentur für Arbeit meldet jeden Monat eine Zahl: „Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,5 %.“ In den Nachrichten klingt das eindeutig. Aber wer zählt eigentlich als arbeitslos, worauf bezieht sich die Quote, und sagt sie wirklich, wie es auf dem Arbeitsmarkt aussieht? Diese Fragen klären wir in diesem Abschnitt Schritt für Schritt.
Erwerbspersonen und Arbeitslosenquote
Die Beschäftigung ist eine der Zielgrößen der Wirtschaftspolitik: Ein „hoher Beschäftigungsstand“ gehört zum magischen Viereck, auf das das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StabG) den Staat verpflichtet. Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt dieses Ziel durch Arbeitsmarktpolitik, etwa Vermittlung und Weiterbildung. Um sie zu messen, unterscheidet die Statistik zunächst Gruppen der Bevölkerung.
Nicht dazu gehören zum Beispiel Schülerinnen und Schüler, Studierende in Vollzeit, Rentner oder Personen, die sich ganz der Familie widmen. Sie suchen keine Erwerbsarbeit und stehen dem Markt nicht zur Verfügung.
Warum bezieht man die Quote auf die Erwerbspersonen? Weil nur sie überhaupt arbeitslos sein können. Bei einem Bezug auf die Gesamtbevölkerung würde die Quote schon sinken, wenn es mehr Kinder oder Rentner gibt, obwohl sich am Arbeitsmarkt nichts verändert hat.
Die offiziellen Zahlen veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg, jeweils zur Monatsmitte für den Vormonat.
Erklären Sie den Unterschied zwischen »Arbeitslosen« und »Erwerbspersonen« und geben Sie die Formel für die Arbeitslosenquote an. Erläutern Sie in einem Satz, warum die…
Erklären Sie den Unterschied zwischen »Arbeitslosen« und »Erwerbspersonen« und geben Sie die Formel für die Arbeitslosenquote an. Erläutern Sie in einem Satz, warum die Quote auf die Erwerbspersonen und nicht auf die Gesamtbevölkerung bezogen wird.
In einer Region gibt es 40.000 Arbeitslose und 800.000 zivile Erwerbspersonen. a) Berechnen Sie die Arbeitslosenquote in Prozent. b) Nennen Sie die Behörde, die in…
In einer Region gibt es 40.000 Arbeitslose und 800.000 zivile Erwerbspersonen.
- a) Berechnen Sie die Arbeitslosenquote in Prozent.
- b) Nennen Sie die Behörde, die in Deutschland die offiziellen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht.
In einer Stadt leben 500.000 Einwohner. Davon sind 260.000 erwerbstätig und 20.000 arbeitslos gemeldet. Im Folgejahr sind 266.000 erwerbstätig und 16.000 arbeitslos; die…
In einer Stadt leben 500.000 Einwohner. Davon sind 260.000 erwerbstätig und 20.000 arbeitslos gemeldet. Im Folgejahr sind 266.000 erwerbstätig und 16.000 arbeitslos; die Zahl der Erwerbspersonen ist damit gestiegen.
- a) Berechnen Sie die Arbeitslosenquote in beiden Jahren (auf eine Nachkommastelle).
- b) Berechnen Sie die prozentuale Veränderung der Zahl der Arbeitslosen.
- c) Erklären Sie, wie die Arbeitslosenquote sinken kann, obwohl die Zahl der Arbeitslosen gleich bleibt.
Arten der Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit hat unterschiedliche Ursachen. Das ist wichtig, weil jede Ursache eine andere Antwort der Politik verlangt.
| Art | Ursache | Beispiel |
|---|---|---|
| konjunkturell | Nachfrage und Produktion sinken im Abschwung | Entlassungen in einer Rezession |
| strukturell | Wirtschaft wandelt sich; Qualifikationen oder Regionen passen nicht zu den offenen Stellen | Stellenabbau bei Autozulieferern wegen Elektroantrieben |
| saisonal | Jahreszeit bestimmt die Arbeit | Bauarbeiter im Januar, Gastronomie an der Nordsee im Winter |
Daneben spricht man von friktioneller Arbeitslosigkeit: kurze Übergangszeiten beim Stellenwechsel. Sie ist normal und lässt sich nie ganz vermeiden.
Die Arbeitslosigkeit läuft der Konjunktur meist entgegen: Im Abschwung steigt sie, im Aufschwung sinkt sie. Oft hinkt sie der Konjunktur etwas hinterher (Spätindikator).
Warum können entlassene Stahlarbeiter solche Stellen nicht sofort besetzen? Zwei Gründe: Ihnen fehlt die Qualifikation (andere Kenntnisse), und es gibt regionale Distanz (Ruhrgebiet gegen München; Umzug kostet Geld und bedeutet Abschied von Familie und Umfeld). Dagegen helfen Weiterbildung und Umschulung sowie Vermittlung und Mobilitätshilfen der Bundesagentur für Arbeit.
Nennen Sie die drei Hauptarten der Arbeitslosigkeit (konjunkturell, strukturell, saisonal) und ordnen Sie jeder Art ein passendes Beispiel zu: Bauarbeiter im Januar,…
Nennen Sie die drei Hauptarten der Arbeitslosigkeit (konjunkturell, strukturell, saisonal) und ordnen Sie jeder Art ein passendes Beispiel zu: Bauarbeiter im Januar, Stellenabbau bei Autozulieferern wegen des Umstiegs auf Elektroantriebe, Entlassungen in einer Rezession.
Ein Stahlwerk im Ruhrgebiet baut wegen neuer Produktionstechnik 800 von 3.000 Stellen ab. Gleichzeitig suchen Softwarefirmen in München Fachkräfte. a) Ordnen Sie die…
Ein Stahlwerk im Ruhrgebiet baut wegen neuer Produktionstechnik 800 von 3.000 Stellen ab. Gleichzeitig suchen Softwarefirmen in München Fachkräfte.
- a) Ordnen Sie die entstehende Arbeitslosigkeit begründet einer Art zu.
- b) Nennen Sie zwei Gründe, warum entlassene Stahlarbeiter die offenen Stellen nicht sofort besetzen können.
- c) Nennen Sie zu jedem der beiden Gründe aus b) je eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit, die hier helfen könnte.
Saisonbereinigung
Die Zahl der Arbeitslosen schwankt im Jahresverlauf: Im Winter ist sie höher, im Sommer niedriger. Um die Konjunktur zu beurteilen, rechnet man diese regelmäßigen Schwankungen heraus.
Die Politik nutzt bereinigte Werte, weil sonst jeder Winteranstieg wie eine Verschlechterung der Konjunktur aussähe. Erst der bereinigte Wert zeigt, ob sich die Lage wirklich verändert.
Die Bundesagentur für Arbeit meldet für den Januar 2,9 Mio. Arbeitslose, im Juli 2,6 Mio. Arbeitslose. Die saisonbereinigte Zahl liegt in beiden Monaten bei 2,7 Mio. a)…
Die Bundesagentur für Arbeit meldet für den Januar 2,9 Mio. Arbeitslose, im Juli 2,6 Mio. Arbeitslose. Die saisonbereinigte Zahl liegt in beiden Monaten bei 2,7 Mio.
- a) Erklären Sie, was »saisonbereinigt« bedeutet.
- b) Berechnen Sie die saisonale Komponente für Januar und Juli.
- c) Erläutern Sie, warum die Politik für die Beurteilung der Konjunktur saisonbereinigte Werte nutzt.
Grenzen der Arbeitslosenquote
Die Quote ist praktisch, aber nicht die ganze Wahrheit. Sie zählt nur Personen, die offiziell als arbeitslos gelten. Mehrere Gruppen fehlen:
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Stille Reserve: Menschen, die entmutigt aufgegeben haben und sich nicht mehr melden.
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Teilnehmer an Weiterbildung oder Fördermaßnahmen: Sie sind vorübergehend nicht in der Statistik.
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Unterbeschäftigte: Menschen in Teilzeit oder Minijobs, die gern mehr arbeiten würden.
Deshalb kann die offizielle Quote die tatsächliche Unterbeschäftigung unterschätzen.
Auch in einem Aufschwung muss die Quote nicht sofort sinken, sie kann sogar vorübergehend steigen: Sieht die Stille Reserve wieder Chancen, meldet sie sich zurück und wird als arbeitslos gezählt.
Ergänzende Indikatoren helfen bei der Beurteilung: die Erwerbstätigenquote (Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter), die Unterbeschäftigung (Arbeitslose plus Teilnehmer an Maßnahmen) oder die Zahl der offenen Stellen. Wer die Quote beurteilt, fragt nach Validität: Misst sie, was sie messen soll? Auch Interessen spielen eine Rolle: Eine Regierung betont gern sinkende Quoten, Gewerkschaften verweisen eher auf Unterbeschäftigung und prekäre Arbeit. Die Bundesagentur für Arbeit nutzt deshalb neben der Quote weitere Zahlen für ihre Arbeitsmarktpolitik. Sie ist klar definiert und lange vergleichbar (Stärke), blendet aber verdeckte Arbeitslosigkeit aus (Schwäche).
Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 5,5 %. Kritiker verweisen auf die »Stille Reserve«, Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen und Minijobber in Teilzeit. a)…
Die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 5,5 %. Kritiker verweisen auf die »Stille Reserve«, Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen und Minijobber in Teilzeit.
- a) Erläutern Sie, warum die offizielle Quote die tatsächliche Unterbeschäftigung unterschätzen kann.
- b) Beurteilen Sie die Aussagekraft der Arbeitslosenquote als Indikator für den Zustand des Arbeitsmarktes.
- c) Nennen Sie einen ergänzenden Indikator und begründen Sie seinen Nutzen.
Eine Volkswirtschaft hat 45 Mio. Erwerbspersonen und eine Arbeitslosenquote von 6 %. In einer Rezession sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um 500.000; zugleich verlassen…
Eine Volkswirtschaft hat 45 Mio. Erwerbspersonen und eine Arbeitslosenquote von 6 %. In einer Rezession sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um 500.000; zugleich verlassen 200.000 Personen entmutigt den Arbeitsmarkt (Stille Reserve).
- a) Berechnen Sie die neue Arbeitslosenquote.
- b) Vergleichen Sie sie mit der Quote, die sich ohne den Rückzug der 200.000 Personen ergeben hätte.
- c) Beurteilen Sie, was dieses Ergebnis für die Interpretation der Quote bedeutet.
Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten
In einer schwachen Konjunktur steigt die Arbeitslosigkeit in Deutschland oft weniger, als man erwarten würde. Zwei Gründe:
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Kurzarbeit: Das Unternehmen kürzt vorübergehend die Arbeitszeit und zahlt weniger Lohn. Die Bundesagentur für Arbeit zahlt Kurzarbeitergeld, das einen Teil des Ausfalls ausgleicht. Die Beschäftigten behalten ihre Stelle.
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Arbeitszeitkonten: In guten Zeiten angesammelte Überstunden werden in schlechten Zeiten abgebaut. Das Unternehmen muss nicht entlassen.
| Sicht | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|
| Unternehmen | Fachkräfte bleiben, keine Kosten für Kündigung und spätere Neueinstellung | Personalkosten laufen teilweise weiter |
| Beschäftigte | Arbeitsplatz bleibt, Einkommen sinkt nur teilweise | weniger Lohn, Unsicherheit |
| Staat | weniger Arbeitslose, stabile Nachfrage | Ausgaben der Versicherung |
Kurzarbeit passt gut bei konjunkturellen, vorübergehenden Einbrüchen: Man überbrückt die Zeit bis zum Aufschwung. Bei strukturellem Wandel, etwa dem dauerhaften Wegfall von Stellen, besteht die Gefahr, dass man überholte Arbeitsplätze künstlich erhält und notwendigen Wandel verzögert. Hier sind Qualifizierung und Umschulung geeigneter. Ein begründetes Urteil nennt also Kriterien (Effizienz, soziale Gerechtigkeit) und unterscheidet die Ursache der Krise.
Ein Wirtschaftsinstitut schreibt: »Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist trotz schwacher Konjunktur kaum gestiegen.« a) Nennen Sie zwei mögliche Erklärungen, etwa…
Ein Wirtschaftsinstitut schreibt: »Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist trotz schwacher Konjunktur kaum gestiegen.«
- a) Nennen Sie zwei mögliche Erklärungen, etwa Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten, und erläutern Sie deren Wirkungsweise.
- b) Erörtern Sie Vor- und Nachteile von Kurzarbeit aus Sicht von Unternehmen, Beschäftigten und Staat.
- c) Fällen Sie ein begründetes Urteil, ob Kurzarbeit bei strukturellem Wandel ein geeignetes Instrument ist.
Zurück zum Anfang: Die Quote von 5,5 % ist ein nützlicher, aber unvollständiger Indikator. Sie hängt von Zähler und Nenner ab, sie wird von Saison und Konjunktur beeinflusst, und sie blendet Stille Reserve und Unterbeschäftigung aus. Wer sie beurteilt, muss also immer nachfragen, was sie zeigt und was nicht.
Auf einen Blick
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Arbeitslosenquote = Arbeitslose : Erwerbspersonen · 100 %; Erwerbspersonen = Erwerbstätige + Arbeitslose. Die Zahlen veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit.
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Änderungen der Quote gibt man in Prozentpunkten an. Sie kann auch sinken, wenn die Arbeitslosenzahl gleich bleibt (Nenner wächst).
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Arten: konjunkturell, strukturell, saisonal (plus friktionell). Jede Art braucht eine andere Antwort.
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Saisonbereinigung rechnet den Jahreszeiteneffekt heraus; erst so lässt sich die Konjunktur beurteilen.
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Grenzen: Stille Reserve, Maßnahmenteilnehmer und Unterbeschäftigte fehlen; ergänzende Indikatoren wie Erwerbstätigenquote und offene Stellen helfen.
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Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten dämpfen den Anstieg der Arbeitslosigkeit, passen aber eher zu konjunkturellen als zu strukturellen Problemen.