Erregungsleitung und Schmerzlinderung
Beim Zahnarzt in Köln spürst du den Bohrer nicht mehr, obwohl der Zahn noch da ist. Beim Stolpern über eine Bordsteinkante zieht dein Fuß dagegen blitzschnell zurück. Wie wandert ein Signal durch ein Axon, was bestimmt seine Geschwindigkeit, und wie kann man es gezielt unterbrechen? Das klären wir in diesem Abschnitt der Neurobiologie – und beantworten die Frage am Ende.
Kontinuierliche Erregungsleitung
Ein Aktionspotenzial entsteht an einer Stelle der Axonmembran und muss weiterwandern, ohne schwächer zu werden. Das gelingt durch die positive Rückkopplung der spannungsgesteuerten Na⁺-Kanäle: Öffnen sie sich, strömt Na⁺ ein, die Membran depolarisiert, weitere Kanäle öffnen sich.
Bei einem marklosen Axon (z. B. Riesenaxon des Tintenfischs, an dem Hodgkin und Huxley forschten) läuft das so ab:
Ablauf:
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An der erregten Stelle strömt Na⁺ ein; innen wird die Membran positiv (Depolarisation).
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Zwischen erregter und benachbarter Stelle fließen lokale Ionenströme (Ausgleichsströme) im Axoninneren und außen.
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Dadurch wird die Nachbarstelle bis zum Schwellenwert depolarisiert, und ihre Na⁺-Kanäle öffnen sich: ein neues Aktionspotenzial.
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Dies wiederholt sich Stück für Stück entlang des gesamten Axons. Das Aktionspotenzial behält dabei seine Höhe (Alles-oder-Nichts-Gesetz).
Warum nur in eine Richtung? Hinter der erregten Zone sind die Na⁺-Kanäle inaktiviert; die Membran ist dort in der Refraktärzeit und nicht erregbar. Der Ausgleichsstrom kann das Gebiet hinter dem Aktionspotenzial daher nicht erneut erregen. Nur die Zone vor dem Aktionspotenzial ist erregbar, also läuft die Erregung vorwärts.
Beschreiben Sie die kontinuierliche Erregungsleitung an einem marklosen Axon, und erklären Sie, warum das Aktionspotenzial nur in eine Richtung weiterläuft.
Beschreiben Sie die kontinuierliche Erregungsleitung an einem marklosen Axon, und erklären Sie, warum das Aktionspotenzial nur in eine Richtung weiterläuft.
Saltatorische Erregungsleitung
Viele Axone der Wirbeltiere sind von einer Myelinscheide umgeben. Sie wird von Gliazellen gebildet (im ZNS von Oligodendrozyten, im PNS von Schwann-Zellen) und wirkt wie eine elektrische Isolierung. Etwa alle 0,2 bis 2 mm ist sie durch Ranvier'sche Schnürringe unterbrochen. Nur dort liegt die Axonmembran frei, und nur dort sitzen viele spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle.
Das Prinzip:
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Unter der Myelinscheide kann kaum Strom durch die Membran fließen.
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Der Ausgleichsstrom fließt deshalb durchs Axoninnere schnell bis zum nächsten Schnürring, und zwar mit nur geringem Verlust, sodass dort der Schwellenwert noch überschritten wird.
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Dort wird der Schwellenwert überschritten, das Aktionspotenzial entsteht neu. Die Erregung „springt“ (lateinisch saltare): saltatorische Erregungsleitung.
Vorteile: höhere Geschwindigkeit (bis über 100 m/s), weniger Ionenströme und damit weniger Na⁺/K⁺-ATPase-Arbeit (Energie), kleinerer Axondurchmesser (Platz).
| Kriterium | kontinuierlich (marklos) | saltatorisch (markhaltig) |
|---|---|---|
| Ort der Ionenströme | gesamte Axonmembran | nur Schnürringe |
| Geschwindigkeit | gering, nimmt mit Durchmesser zu | hoch, auch bei dünnen Axonen |
| Energiebedarf (Pumpvorgänge) | hoch, da viele Ionen die Membran queren | gering, da wenig Membranfläche betroffen |
| Platzbedarf für hohe Geschwindigkeit | groß (dickes Axon) | klein |
Beschreiben Sie den Aufbau eines markhaltigen Axons (Myelinscheide, Ranvier-Schnürringe) und erläutern Sie das Prinzip der saltatorischen Erregungsleitung.
Beschreiben Sie den Aufbau eines markhaltigen Axons (Myelinscheide, Ranvier-Schnürringe) und erläutern Sie das Prinzip der saltatorischen Erregungsleitung.
Rechnen mit Leitungsgeschwindigkeiten
Ein markloses Riesenaxon des Tintenfisches (Durchmesser 500 µm) leitet mit etwa 25 m/s, ein markhaltiges Axon des Menschen (Durchmesser 10 µm) mit etwa 100 m/s. a)…
Ein markloses Riesenaxon des Tintenfisches (Durchmesser 500 µm) leitet mit etwa 25 m/s, ein markhaltiges Axon des Menschen (Durchmesser 10 µm) mit etwa 100 m/s.
- a) Berechnen Sie die Zeit, die ein Signal jeweils für 1,0 m benötigt.
- b) Erklären Sie, warum das dünne markhaltige Axon schneller leitet und welchen Vorteil dies in Bezug auf Platz und Energie hat.
Störungen der Erregungsleitung
Die Leitung eines Aktionspotenzials kann man mit Mikroelektroden und einem Oszilloskop messen. Die Messkurve zeigt die Membranspannung $U$ über der Zeit: Ruhepotenzial etwa $-70\,\text{mV}$, nach Überschreiten des Schwellenwerts steiler Anstieg (Depolarisation, Na⁺-Einstrom), dann Abfall (Repolarisation, K⁺-Ausstrom) und kurze Hyperpolarisation. Misst man an zwei Stellen eines Axons, erscheint die Kurve an der zweiten Stelle zeitlich verzögert. Aus der Verzögerung und dem Abstand der Elektroden berechnet man die Leitungsgeschwindigkeit.
Bei Multipler Sklerose (MS) greift das Immunsystem die Myelinscheiden im ZNS an. Es entstehen entmarkte Bereiche (Plaques).
Folgen für die Leitung:
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Ohne Isolierung fließt der Ausgleichsstrom über die Membran ab. Der Strom erreicht den nächsten Schnürring geschwächt.
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Der Schwellenwert wird verzögert oder gar nicht erreicht: Die Leitung wird langsamer, im Extremfall bricht sie ab (Leitungsblock).
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Zusätzlich liegen freigelegte Kanäle (z. B. K⁺-Kanäle) in der Membran, die den Ausgleichsstrom weiter schwächen. Das Medikament 4-Aminopyridin blockiert diese K⁺-Kanäle: Weniger K⁺ strömt aus, die Depolarisation bleibt länger bestehen, und das Signal kann den Abschnitt leichter überwinden.
Symptome hängen vom betroffenen Nerv ab: Sehstörungen (Sehnerv), Taubheitsgefühle (sensorische Bahnen), Lähmungen und Gangstörungen (motorische Bahnen).
Bei Multipler Sklerose werden die Myelinscheiden im Zentralnervensystem durch eine Autoimmunreaktion abgebaut. a) Erklären Sie, warum sich die Leitungsgeschwindigkeit…
Bei Multipler Sklerose werden die Myelinscheiden im Zentralnervensystem durch eine Autoimmunreaktion abgebaut.
- a) Erklären Sie, warum sich die Leitungsgeschwindigkeit der betroffenen Axone verringert.
- b) Leiten Sie mögliche Symptome ab, z. B. Sehstörungen oder Lähmungen.
Material: Bei einem Patienten mit Multipler Sklerose ist die Leitungsgeschwindigkeit eines Nervs von 70 m/s auf 20 m/s gesunken. Der Nerv ist 0,8 m lang. In einem…
Material: Bei einem Patienten mit Multipler Sklerose ist die Leitungsgeschwindigkeit eines Nervs von 70 m/s auf 20 m/s gesunken. Der Nerv ist 0,8 m lang. In einem Experiment wird ein Axon im Bereich der entmarkten Stelle mit 4-Aminopyridin (blockiert K⁺-Kanäle) behandelt, wodurch die Leitung teilweise wiederhergestellt wird.
- a) Berechnen Sie die Leitungszeit vor und nach der Erkrankung.
- b) Erklären Sie die Verlangsamung und das mögliche Leitungsversagen bei entmarkten Abschnitten.
- c) Erklären Sie die Wirkung von 4-Aminopyridin.
Evolution und Vergleich der Leitungsarten
Wie kann ein Signal schnell sein? Zwei Wege: ein dickes Axon (geringerer Längswiderstand) oder Myelinisierung. Dicke Axone brauchen viel Platz: Ein Axon mit der Geschwindigkeit eines markhaltigen Axons von 10 µm müsste marklos etwa 50-mal so dick sein. Im Rückenmark oder Gehirn könnten so nur wenige Axone verlaufen.
Myelinisierte Axone sparen außerdem Energie: Nur an den Schnürringen strömen Ionen, also muss die Na⁺/K⁺-ATPase deutlich weniger Ionen zurücktransportieren.
Erst dadurch konnten Wirbeltiere in kleinem Körper sehr viele schnelle Leitungsbahnen unterbringen und komplexe Nervensysteme entwickeln. Tintenfische kompensieren das Fehlen von Myelin mit einzelnen Riesenaxonen, etwa für die Fluchtreaktion.
Vergleichen Sie kontinuierliche und saltatorische Erregungsleitung hinsichtlich Leitungsgeschwindigkeit, Energiebedarf (Anzahl der Na⁺/K⁺-Pumpvorgänge), Ort der…
Vergleichen Sie kontinuierliche und saltatorische Erregungsleitung hinsichtlich Leitungsgeschwindigkeit, Energiebedarf (Anzahl der Na⁺/K⁺-Pumpvorgänge), Ort der Ionenströme und Platzbedarf. Erläutern Sie anschließend, warum Wirbeltiere trotz ihrer begrenzten Körperdimensionen komplexe Nervensysteme mit schneller Reaktion entwickeln konnten, während Tintenfische dicke Riesenaxone benötigen.
Schmerzlinderung
Ein Schmerzreiz wird von Nozizeptoren in Aktionspotenziale umgewandelt, über Axone ins Rückenmark und Gehirn geleitet und dort an Synapsen weitergegeben. Substanzen können an zwei Stellen eingreifen:
Lokalanästhetika (z. B. Lidocain beim Zahnarzt) blockieren spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle im Axon. Ohne Na⁺-Einstrom wird der Schwellenwert nicht erreicht, es entsteht kein Aktionspotenzial. Der Schmerz gelangt nicht zum Gehirn. Weil das Mittel direkt an die Nerven des Zahns gespritzt wird, wirkt es nur lokal; im Blut wird es schnell verdünnt und abgebaut.
Zur Erinnerung an die erregende chemische Synapse (ausführlich im Abschnitt „Chemische Synapse und exogene Substanzen“): Erreicht ein Aktionspotenzial die präsynaptische Endigung, öffnen sich spannungsgesteuerte Ca²⁺-Kanäle. Der Ca²⁺-Einstrom löst die Verschmelzung von Vesikeln mit der Membran aus, der Transmitter gelangt in den synaptischen Spalt. Er bindet nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an Rezeptorproteine (ligandengesteuerte Ionenkanäle) der postsynaptischen Membran. Na⁺ strömt ein, es entsteht ein EPSP; danach wird der Transmitter abgebaut oder wieder aufgenommen.
Opioide (z. B. Morphin) binden an Opioidrezeptoren in Schmerzbahnen. Sie hemmen die Transmitterfreisetzung an der präsynaptischen Endigung und dämpfen die Erregung der nächsten Zelle. Die Weiterleitung im Axon bleibt intakt, aber die Übertragung an der Synapse wird gehemmt.
| Lokalanästhetikum | Opioid | |
|---|---|---|
| Wirkort | Axonmembran, Na⁺-Kanal | Synapse, Rezeptorprotein |
| Wirkung | kein Aktionspotenzial | weniger Transmitterfreisetzung |
| Reichweite | lokal | zentral, ganzer Körper |
Zur Stellungnahme (Bewertungskompetenz): Gewichte Nutzen (starke Wirkung bei akuten und Tumorschmerzen), Risiken (Toleranz, Abhängigkeit, Atemdepression bei Opioiden; Taubheit und Herz-Kreislauf-Wirkungen bei Überdosierung von Lokalanästhetika) und Alternativen (Ibuprofen, Physiotherapie, Psychotherapie). Begründe am Ende deine Entscheidung.
Zurück zum Anfang: Beim Zahnarzt blockiert Lidocain die Na⁺-Kanäle der Schmerzaxone. Der Reiz entsteht, aber es wird kein Aktionspotenzial weitergeleitet. Der Fußreflex beim Stolpern ist dagegen schnell, weil markhaltige Axone saltatorisch leiten.
Nennen Sie zwei Beispiele für Substanzen, die zur Schmerzlinderung eingesetzt werden (z. B. Lokalanästhetika, Opioide), und geben Sie jeweils kurz an, an welcher Stelle…
Nennen Sie zwei Beispiele für Substanzen, die zur Schmerzlinderung eingesetzt werden (z. B. Lokalanästhetika, Opioide), und geben Sie jeweils kurz an, an welcher Stelle der Signalweiterleitung sie wirken.
Der Zahnarzt in Köln betäubt mit Lidocain, das spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle blockiert. a) Erklären Sie, warum der Schmerz nicht mehr wahrgenommen wird. b) Begründen…
Der Zahnarzt in Köln betäubt mit Lidocain, das spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle blockiert.
- a) Erklären Sie, warum der Schmerz nicht mehr wahrgenommen wird.
- b) Begründen Sie, warum Lidocain bei lokaler Injektion nur örtlich begrenzt wirkt.
Ein Ethikrat diskutiert den Einsatz von Opioiden (z. B. Morphin) und Lokalanästhetika zur Schmerzlinderung bei chronischen Schmerzen. a) Beschreiben Sie je einen…
Ein Ethikrat diskutiert den Einsatz von Opioiden (z. B. Morphin) und Lokalanästhetika zur Schmerzlinderung bei chronischen Schmerzen.
- a) Beschreiben Sie je einen Wirkmechanismus von Opioiden (Bindung an Opioidrezeptoren, Hemmung der Transmitterfreisetzung) und Lokalanästhetika.
- b) Nehmen Sie begründet Stellung zum Einsatz dieser Substanzen unter Abwägung von Nutzen, Nebenwirkungen (Toleranz, Abhängigkeit, Atemdepression) und Alternativen.
Auf einen Blick
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Kontinuierlich (marklos): Ausgleichsströme depolarisieren die Nachbarstelle bis zum Schwellenwert. Die Refraktärzeit sichert eine Richtung.
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Saltatorisch (markhaltig): Myelin isoliert, Aktionspotenziale entstehen nur an Schnürringen. Schneller, energiesparender und platzsparender.
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Multiple Sklerose: Myelinabbau, Leitung verlangsamt oder blockiert.
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Lokalanästhetika blockieren spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle; Opioide hemmen die Transmitterfreisetzung an Synapsen.
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Leitungszeit: $t = s / v$.