Analyse von Familienstammbäumen
Ben aus Köln erzählt, dass sein Cousin Mukoviszidose hat. Beide Eltern des Cousins sind gesund. Wie kann ein Kind erkranken, wenn keines seiner Eltern erkrankt ist? Und wie hoch ist das Risiko, dass auch Bens Kinder betroffen sein könnten? Mit Familienstammbäumen lassen sich solche Fragen beantworten, ohne dass man ins Labor muss. Dabei wendet man die Regeln der Vererbung an, die auf dem Ablauf der Meiose beruhen.
Einen Stammbaum lesen
Ein Stammbaum stellt die Verwandtschaft in einer Familie und das Auftreten eines Merkmals, meist einer Erbkrankheit, grafisch dar. Wer ihn auswerten will, muss zuerst die Symbole kennen.
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Generationen werden mit römischen Ziffern nummeriert (I, II, III), die Personen innerhalb einer Generation mit arabischen Ziffern (I-1, I-2, II-1 …). So lässt sich jede Person eindeutig benennen.
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Ausgefüllte Symbole stehen für Personen, die das untersuchte Merkmal zeigen (den Phänotyp). Nicht ausgefüllte Symbole stehen für Personen ohne das Merkmal.
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Von der Partnerlinie führt eine senkrechte Linie nach unten zur Geschwisterlinie, an der die Kinder des Paares hängen.
In diesem Stammbaum sind die Eltern gesund, ihr Sohn II-2 ist erkrankt. Das Merkmal „springt“ also eine Generation. Das ist ein wichtiger Hinweis auf den Erbgang, wie der nächste Abschnitt zeigt.
Erklären Sie die Symbole im Stammbaum: Quadrat, Kreis, ausgefüllte und nicht ausgefüllte Symbole, Verbindungslinie zwischen zwei Symbolen, Geschwisterlinie.
Erklären Sie die Symbole im Stammbaum: Quadrat, Kreis, ausgefüllte und nicht ausgefüllte Symbole, Verbindungslinie zwischen zwei Symbolen, Geschwisterlinie.
Autosomal oder gonosomal, dominant oder rezessiv
Ein Erbgang wird durch zwei Fragen festgelegt.
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Wo liegt das Gen? Auf einem Autosom (Chromosomen 1 bis 22) ist der Erbgang autosomal. Auf einem Geschlechtschromosom (Gonosom) ist er gonosomal. Beim Menschen sind die meisten gonosomalen Merkmale X-chromosomal, weil das X-Chromosom viel mehr Gene trägt als das kleine Y-Chromosom.
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Welches Allel setzt sich durch? Ein dominantes Allel (A) prägt den Phänotyp auch im heterozygoten Zustand (Aa) aus. Ein rezessives Allel (a) zeigt sich nur im homozygoten Zustand (aa).
| Erbgang | Beispiel beim Menschen |
|---|---|
| autosomal-dominant | Huntington-Krankheit, Brachydaktylie |
| autosomal-rezessiv | Mukoviszidose, Phenylketonurie, Albinismus |
| X-chromosomal-rezessiv | Rot-Grün-Sehschwäche, Bluterkrankheit (Hämophilie A) |
| Y-chromosomal | Gene auf dem Y-Chromosom, die nur vom Vater an die Söhne weitergegeben werden |
Bei X-chromosomalen Merkmalen sind die Geschlechter nicht gleich gestellt. Frauen haben zwei X-Chromosomen (XX), Männer nur eines (XY). Ein Mann trägt jedes X-chromosomale Allel daher nur einmal und kann nicht „heterozygot“ sein. Man nennt ihn hemizygot. Ein rezessives Allel auf seinem einzigen X-Chromosom zeigt sich deshalb immer.
Eine heterozygote Frau mit einem rezessiven Allel, die selbst gesund ist, heißt Anlageträgerin oder Überträgerin (Konduktorin). Bei autosomal-rezessiven Merkmalen sind heterozygote Personen (Aa) ebenfalls gesunde Anlageträger.
Damit lässt sich der Anfang beantworten: Der Cousin von Ben erkrankt, weil jeder Elternteil ein gesundes Allel und ein Mukoviszidose-Allel trägt. Das Kind hat beide rezessiven Allele erhalten.
Zwei gesunde Eltern bekommen ein erkranktes Kind. Gehen Sie von einem autosomalen Erbgang aus. Geben Sie an, ob die Erkrankung dominant oder rezessiv vererbt wird, und…
Zwei gesunde Eltern bekommen ein erkranktes Kind. Gehen Sie von einem autosomalen Erbgang aus. Geben Sie an, ob die Erkrankung dominant oder rezessiv vererbt wird, und begründen Sie. Nennen Sie die Genotypen der Eltern (Allele A/a).
Erklären Sie den Unterschied zwischen autosomaler und gonosomaler (X-chromosomaler) Vererbung und nennen Sie je ein Beispiel für ein Merkmal beim Menschen.
Erklären Sie den Unterschied zwischen autosomaler und gonosomaler (X-chromosomaler) Vererbung und nennen Sie je ein Beispiel für ein Merkmal beim Menschen.
Den Erbgang ableiten
Aus dem Stammbaum liest man den Erbgang in zwei Schritten ab. Zuerst stellt man fest, ob das Merkmal dominant oder rezessiv ist. Dann prüft man, ob es autosomal oder gonosomal vererbt wird. Jedes Argument ist ein Ausschlussargument: Man zeigt, welcher Erbgang zu den Daten nicht passt.
Dominant oder rezessiv?
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Zwei merkmalsfreie Eltern haben ein Kind mit dem Merkmal. Das Merkmal ist rezessiv, denn die Eltern müssen das Allel tragen, ohne es zu zeigen.
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Zwei Eltern mit dem Merkmal haben ein Kind ohne das Merkmal. Das Merkmal ist dominant, denn die Eltern müssen heterozygot sein.
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Ein dominantes Merkmal tritt in jeder Generation auf, und jedes betroffene Kind hat mindestens einen betroffenen Elternteil (bei vollständiger Penetranz).
Autosomal oder X-chromosomal?
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Eine erkrankte Tochter eines gesunden Vaters schließt einen X-chromosomal-rezessiven Erbgang aus. Der Vater gibt seinen Töchtern immer sein X-Chromosom weiter. Wäre es $X^AY$, könnte die Tochter nicht $X^aX^a$ sein.
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Ein erkrankter Sohn einer gesunden Mutter schließt einen X-chromosomal-dominanten Erbgang aus. Die Mutter müsste das dominante Allel tragen und wäre selbst erkrankt.
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Bei X-chromosomal-dominanten Erbgängen sind alle Töchter eines erkrankten Vaters erkrankt, und die Söhne erhalten das Merkmal nie vom Vater.
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Bei X-chromosomal-rezessiven Erbgängen sind meist deutlich mehr Männer als Frauen betroffen. Das Merkmal wird oft über gesunde Überträgerinnen an die Söhne weitergegeben.
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Ein Y-chromosomaler Erbgang betrifft nur Männer. Jeder erkrankte Vater hat nur erkrankte Söhne, und Frauen sind nie betroffen.
Ein Stammbaum zeigt: Jedes erkrankte Kind hat mindestens einen erkrankten Elternteil, die Krankheit tritt in jeder Generation auf, Männer und Frauen sind gleich häufig…
Ein Stammbaum zeigt: Jedes erkrankte Kind hat mindestens einen erkrankten Elternteil, die Krankheit tritt in jeder Generation auf, Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen, und ein erkrankter Vater hat sowohl erkrankte Söhne als auch erkrankte Töchter.
- a) Bestimmen Sie den wahrscheinlichsten Erbgang.
- b) Begründen Sie, warum ein X-chromosomal-dominanter Erbgang unwahrscheinlich ist.
In einer Familie aus Hannover tritt Mukoviszidose auf. Die Eltern I-1 und I-2 sind gesund, ihre Tochter II-2 ist erkrankt, ihr Sohn II-1 gesund. a) Leiten Sie den…
In einer Familie aus Hannover tritt Mukoviszidose auf. Die Eltern I-1 und I-2 sind gesund, ihre Tochter II-2 ist erkrankt, ihr Sohn II-1 gesund.
- a) Leiten Sie den Erbgang ab.
- b) Geben Sie die möglichen Genotypen von II-1 an.
- c) Berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass II-1 Anlageträger ist.
In einem Stammbaum sind I-1 (Mann) und I-2 (Frau) erkrankt. Von ihren vier Kindern sind II-1 (Sohn) und II-3 (Tochter) erkrankt, II-2 (Sohn) und II-4 (Tochter) gesund.…
In einem Stammbaum sind I-1 (Mann) und I-2 (Frau) erkrankt. Von ihren vier Kindern sind II-1 (Sohn) und II-3 (Tochter) erkrankt, II-2 (Sohn) und II-4 (Tochter) gesund. II-4 heiratet einen gesunden Mann; alle ihre Kinder sind gesund.
- a) Bestimmen Sie den Erbgang und begründen Sie, warum andere Erbgänge ausgeschlossen werden.
- b) Geben Sie alle Genotypen der Personen I-1 bis II-4 an.
- c) Berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind von I-1 und I-2 erkrankt ist.
Wahrscheinlichkeiten berechnen
Hat man den Erbgang bestimmt, kann man das Risiko für die nächste Generation berechnen. Dabei gelten die Mendelschen Regeln, die auf der Meiose beruhen, und die Regeln der Stochastik aus der Sekundarstufe I.
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Uniformitätsregel: Kreuzt man zwei reinerbige Eltern (AA × aa), sind alle Kinder im Genotyp gleich (Aa) und zeigen denselben Phänotyp.
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Spaltungsregel: Kreuzt man zwei Heterozygote (Aa × Aa), spalten die Nachkommen im Verhältnis 1 : 2 : 1 auf (AA, Aa, aa), beim Phänotyp bei Dominanz im Verhältnis 3 : 1.
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Zusammenhang mit der Meiose: In der Meiose I werden die homologen Chromosomen getrennt. Jede Keimzelle erhält daher nur ein Allel eines Gens. Bei der Befruchtung kombinieren sich die Allele zufällig. Das erklärt die Spaltungsregel: Ein Aa-Elternteil bildet zur Hälfte Keimzellen mit A und zur Hälfte mit a.
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Gonosomen in der Meiose: Bei der Frau (XX) erhält jede Eizelle ein X-Chromosom. Beim Mann (XY) werden X und Y in der Meiose I getrennt, die Hälfte der Spermien trägt X, die andere Hälfte Y. Ein Sohn (XY) bekommt sein X daher immer von der Mutter, eine Tochter (XX) ein X von jedem Elternteil. Daraus folgt die Besonderheit der X-chromosomalen Vererbung.
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Jedes Kind ist ein neuer Zufallsversuch. Die Wahrscheinlichkeit für ein erkranktes Kind ist bei jeder Schwangerschaft gleich, auch wenn das erste Kind schon erkrankt ist.
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Pfadregel (Multiplikation): Treffen mehrere unabhängige Ereignisse zusammen, werden ihre Wahrscheinlichkeiten multipliziert.
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Summenregel (Addition): Gibt es mehrere Wege zum gleichen Ergebnis, werden die Wahrscheinlichkeiten addiert.
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Bedingung beachten: Ist ein Phänotyp bekannt (zum Beispiel „gesund“), schränkt das die möglichen Genotypen ein, und man teilt durch die Zahl der noch möglichen Fälle.
Männer sind häufiger von X-chromosomal-rezessiven Krankheiten betroffen, weil ein einziges rezessives Allel auf ihrem X-Chromosom genügt. Bei einer Frau müsste das Allel auf beiden X-Chromosomen vorliegen.
Die Rot-Grün-Sehschwäche wird X-chromosomal-rezessiv vererbt. Eine Frau mit normalem Sehvermögen, deren Vater rot-grün-sehschwach war, bekommt ein Kind mit einem…
Die Rot-Grün-Sehschwäche wird X-chromosomal-rezessiv vererbt. Eine Frau mit normalem Sehvermögen, deren Vater rot-grün-sehschwach war, bekommt ein Kind mit einem gesunden Mann.
- a) Bestimmen Sie den Genotyp der Frau.
- b) Geben Sie die Wahrscheinlichkeiten für Söhne und Töchter mit Sehschwäche an.
- c) Erklären Sie, warum Männer häufiger betroffen sind.
Eine seltene Krankheit tritt in einer Familie nur bei Männern auf. Gesunde Mütter haben kranke Söhne, kranke Männer haben nie kranke Söhne, aber alle ihre Töchter sind…
Eine seltene Krankheit tritt in einer Familie nur bei Männern auf. Gesunde Mütter haben kranke Söhne, kranke Männer haben nie kranke Söhne, aber alle ihre Töchter sind gesunde Überträgerinnen.
- a) Erläutern Sie, warum ein Y-chromosomaler Erbgang auszuschließen ist.
- b) Begründen Sie den X-chromosomal-rezessiven Erbgang.
- c) Eine Überträgerin und ein gesunder Mann haben vier Kinder, und zwar zwei Söhne und zwei Töchter. Berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass beide Söhne erkrankt und beide Töchter gesund sind.
Ein Paar möchte sich genetisch beraten lassen. Der Mann ist gesund, seine Schwester leidet an Phenylketonurie (autosomal-rezessiv); die Frau ist gesund und stammt aus…
Ein Paar möchte sich genetisch beraten lassen. Der Mann ist gesund, seine Schwester leidet an Phenylketonurie (autosomal-rezessiv); die Frau ist gesund und stammt aus einer Familie ohne bekannte Fälle. In der Bevölkerung ist etwa jede 50. Person Anlageträger.
- a) Berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass der Mann Anlageträger ist.
- b) Berechnen Sie die Wahrscheinlichkeit, dass das Paar ein erkranktes Kind bekommt.
- c) Beurteilen Sie, welche Rolle genetische Beratung hier spielt.
Auf einen Blick
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Quadrate sind Männer, Kreise Frauen. Ausgefüllte Symbole zeigen das Merkmal, Partner- und Geschwisterlinien zeigen die Verwandtschaft.
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Gesunde Eltern mit erkranktem Kind: Das Merkmal ist rezessiv. Erkrankte Eltern mit gesundem Kind: Das Merkmal ist dominant.
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Eine erkrankte Tochter eines gesunden Vaters schließt X-chromosomal-rezessiv aus. Ein erkrankter Sohn einer gesunden Mutter schließt X-chromosomal-dominant aus.
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Bei X-chromosomal-rezessiven Krankheiten sind Männer häufiger betroffen, weil sie hemizygot sind. Die Weitergabe läuft oft über gesunde Überträgerinnen.
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Wahrscheinlichkeiten berechnet man mit Kreuzungsquadrat, Pfadregel und Summenregel. Ist der Phänotyp bekannt, schränkt das die möglichen Genotypen ein (gesund bei $Aa \times Aa$: $\tfrac{2}{3}$ Anlageträger).
Zurück zum Anfang: Bens Cousin kann Mukoviszidose haben, weil gesunde Eltern beide heterozygote Anlageträger sein können. Mit der Wahrscheinlichkeit $\tfrac{1}{4}$ erhält ein Kind dann zweimal das rezessive Allel.