Tarifkonflikte, Streik und Schlichtung
Am Morgen fällt in Köln die Straßenbahn aus. Auf dem Bahnsteig steht Lea und schimpft, denn ihre Klassenarbeit-Vorbereitung beginnt gleich. Auf einem Schild steht: „Warnstreik“. Wer entscheidet eigentlich, was Beschäftigte verdienen, und warum dürfen sie dafür die Arbeit niederlegen? Das klären wir in diesem Kapitel: Am Ende kommst du zu Leas Bahnsteig zurück.
Tarifautonomie und Tarifvertrag
In Deutschland legt der Staat die meisten Löhne nicht fest. Das übernehmen die Tarifparteien selbst: Gewerkschaften (z. B. IG Metall, ver.di) für die Arbeitnehmer und Arbeitgeberverbände (oder einzelne Unternehmen) für die Arbeitgeber.
Typische Inhalte eines Tarifvertrags:
| Inhalt | Beispiel |
|---|---|
| Entgelt | Monatslohn, Ausbildungsvergütung, Weihnachtsgeld |
| Arbeitszeit | 38-Stunden-Woche, Schichtzuschläge |
| Urlaub | 30 Urlaubstage |
| Laufzeit | 24 Monate |
Warum gibt es das? Einzeln hat ein Beschäftigter wenig Verhandlungsmacht. Gemeinsam in einer Gewerkschaft ist er stärker. Für Unternehmen hat der Tarifvertrag auch Vorteile: Alle Konkurrenten zahlen ähnlich, und während der Laufzeit herrscht Friedenspflicht (kein Streik).
Erkläre die Begriffe Tarifvertrag und Tarifautonomie in je einem Satz.
Erkläre die Begriffe Tarifvertrag und Tarifautonomie in je einem Satz.
Nenne zwei Inhalte, die in einem Tarifvertrag geregelt werden können, und gib an, wer ihn aushandelt (Gewerkschaft und Arbeitgeberverband).
Nenne zwei Inhalte, die in einem Tarifvertrag geregelt werden können, und gib an, wer ihn aushandelt (Gewerkschaft und Arbeitgeberverband).
Ablauf eines Tarifkonflikts
Meist einigen sich beide Seiten am Verhandlungstisch. Wenn nicht, läuft ein Konflikt oft so ab:
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Tarifverhandlungen: Die Gewerkschaft fordert z. B. 6 % mehr Lohn, die Arbeitgeber bieten 3 %.
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Warnstreik: Kurze Arbeitsniederlegung, um Druck zu machen. Sie ist während der Verhandlungen möglich, wenn die Friedenspflicht abgelaufen ist.
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Scheitern der Verhandlungen: Keine Einigung.
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Urabstimmung: Die gewerkschaftlich organisierten Mitglieder stimmen über einen unbefristeten Streik ab. Üblich ist eine Mehrheit von mindestens 75 % der abgegebenen Stimmen (je nach Satzung der Gewerkschaft).
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Streik: Arbeitsniederlegung, bis es eine Einigung gibt.
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Neuer Tarifvertrag (oft nach Schlichtung).
Bringe die Schritte eines Tarifkonflikts in die richtige Reihenfolge: Streik, Tarifverhandlungen, Urabstimmung, Scheitern der Verhandlungen, neuer Tarifvertrag.
Bringe die Schritte eines Tarifkonflikts in die richtige Reihenfolge: Streik, Tarifverhandlungen, Urabstimmung, Scheitern der Verhandlungen, neuer Tarifvertrag.
In einer Urabstimmung unter 4.000 gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten in NRW stimmen 3.200 ab, davon 2.560 für den Streik. Für einen Streik sind mindestens 75 %…
In einer Urabstimmung unter 4.000 gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten in NRW stimmen 3.200 ab, davon 2.560 für den Streik. Für einen Streik sind mindestens 75 % der abgegebenen Stimmen nötig.
- a) Berechne die Beteiligung und den Anteil der Ja-Stimmen in Prozent.
- b) Wird der Streik beschlossen? Begründe.
- c) Erkläre, wozu eine Urabstimmung dient.
Ein Warnstreik legt einen Nahverkehrsbetrieb in einer Stadt in NRW einen Tag lahm. a) Nenne drei Gruppen, die davon betroffen sind, und jeweils eine Folge. b) Erkläre…
Ein Warnstreik legt einen Nahverkehrsbetrieb in einer Stadt in NRW einen Tag lahm.
- a) Nenne drei Gruppen, die davon betroffen sind, und jeweils eine Folge.
- b) Erkläre den Unterschied zwischen Warnstreik und unbefristetem Streik.
Lohnforderung und Schlichtung
Hinter jeder Prozentzahl steckt echtes Geld. So rechnest du es aus.
Wenn beide Seiten nicht weiterkommen, können sie eine Schlichtung vereinbaren. Ein neutraler Schlichter (oft eine erfahrene Person aus Politik oder Wissenschaft) prüft die Positionen und macht einen Vorschlag. Er muss neutral sein, sonst würde eine Seite ihm nicht vertrauen. Während der Schlichtung gilt meist wieder Friedenspflicht. Die Parteien können den Vorschlag annehmen oder ablehnen.
Ein Schlichtungsvorschlag besteht oft aus mehreren Teilen, z. B. einer Erhöhung über eine bestimmte Laufzeit und einer Einmalzahlung. Bei der Berechnung rechnest du die Teile einzeln und addierst.
Eine Gewerkschaft fordert 6 % mehr Lohn. Die Arbeitgeber bieten 3 % an. Ein Beschäftigter verdient derzeit 2.800 € brutto im Monat. a) Berechne sein Gehalt bei 6 % und…
Eine Gewerkschaft fordert 6 % mehr Lohn. Die Arbeitgeber bieten 3 % an. Ein Beschäftigter verdient derzeit 2.800 € brutto im Monat.
- a) Berechne sein Gehalt bei 6 % und bei 3 % Erhöhung.
- b) Berechne die Differenz pro Monat und pro Jahr (12 Monate).
- c) Nenne ein Argument, das jede Seite anführen könnte.
Arbeitgeber und Gewerkschaft einigen sich nach gescheiterten Verhandlungen auf eine Schlichtung. Der Schlichter schlägt 4,2 % mehr Lohn über 18 Monate sowie eine…
Arbeitgeber und Gewerkschaft einigen sich nach gescheiterten Verhandlungen auf eine Schlichtung. Der Schlichter schlägt 4,2 % mehr Lohn über 18 Monate sowie eine Einmalzahlung von 600 € vor.
- a) Erkläre die Rolle des Schlichters und warum er neutral sein muss.
- b) Berechne für einen Beschäftigten mit 3.000 € Monatslohn die Mehreinnahmen in den 18 Monaten, wenn die Erhöhung sofort gilt (vereinfacht) – zuerst nur durch die Lohnerhöhung, dann insgesamt einschließlich der Einmalzahlung.
- c) Beurteile, ob beide Seiten dem Vorschlag zustimmen sollten.
Interessen, Streikrecht und Tarifbindung
Bei einem Streik prallen Interessen aufeinander.
| Beteiligte | Interesse |
|---|---|
| Gewerkschaft, Beschäftigte | höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen |
| Arbeitgeber | Kosten niedrig halten, Wettbewerbsfähigkeit |
| Kunden, Pendler | zuverlässige Leistung |
| Staat | Funktionieren der Wirtschaft, Tarifautonomie achten |
Rechtliche Grundlage: Art. 9 Abs. 3 GG garantiert die Koalitionsfreiheit: Jeder darf Gewerkschaften und Verbände bilden. Daraus folgt auch das Recht, mit Streik zu kämpfen. Streiks gelten als legitim, wenn sie ein Tarifziel verfolgen, von einer Gewerkschaft getragen werden und verhältnismäßig sind. Gerade bei Bahn, Kliniken oder Kitas wird diskutiert, ob es Grenzen geben sollte (z. B. Ankündigungsfristen, Notdienste).
Tarifbindung: Nur Mitglieder des Arbeitgeberverbands sind automatisch an den Tarifvertrag gebunden. Manche Unternehmen treten aus oder zahlen „unter Tarif“. Vorteile für sie: niedrigere Kosten, mehr Flexibilität. Nachteile: schwerer Fachkräfte zu finden, Konflikte mit der Belegschaft. Sinkt die Tarifbindung insgesamt, verlieren Gewerkschaften an Verhandlungsmacht, und die Löhne können stärker auseinanderlaufen.
Ein Streik bei der Bahn dauert mehrere Tage. Die Gewerkschaft sagt, Streik sei das legitime Mittel für bessere Arbeitsbedingungen. Pendler und Unternehmen beklagen hohe…
Ein Streik bei der Bahn dauert mehrere Tage. Die Gewerkschaft sagt, Streik sei das legitime Mittel für bessere Arbeitsbedingungen. Pendler und Unternehmen beklagen hohe Kosten.
- a) Stelle die Interessen der Beteiligten dar.
- b) Erläutere, welche Rolle das Grundgesetz (Koalitionsfreiheit, Art. 9 Abs. 3) spielt.
- c) Beurteile, ob es Grenzen des Streikrechts geben sollte, und begründe deine Meinung.
Ein Unternehmen ist nicht Mitglied im Arbeitgeberverband und zahlt unter Tarif. a) Erkläre, welche Vorteile und Nachteile Tarifverträge für Arbeitnehmer und Unternehmen…
Ein Unternehmen ist nicht Mitglied im Arbeitgeberverband und zahlt unter Tarif.
- a) Erkläre, welche Vorteile und Nachteile Tarifverträge für Arbeitnehmer und Unternehmen haben.
- b) Begründe, warum ein Unternehmen eine Tarifbindung vermeiden möchte.
- c) Bewerte, wie sich sinkende Tarifbindung auf Löhne und die Machtverhältnisse zwischen den Tarifparteien auswirken kann.
Zurück zu Leas Bahnsteig: Der Warnstreik ist Teil eines Tarifkonflikts. Die Gewerkschaft macht damit Druck in den Verhandlungen, geschützt durch die Tarifautonomie und Art. 9 Abs. 3 GG. Lea ärgert sich zu Recht, die Beschäftigten handeln aber im Rahmen ihrer Rechte.