Gitterenergie, Solvatationsenergie und Lösungsenthalpie
Eine Kühlpackung aus dem Sanitätskasten des Sportvereins fühlt sich nach dem Knicken des Wasserbeutels plötzlich eiskalt an, ein Handwärmer-Salz dagegen wird warm. Beide enthalten nur ein Salz und Wasser. Warum kühlt das eine Salz die Umgebung ab, das andere erwärmt sie?
Das Ionengitter und die Gitterenergie
Ein Salz wie Natriumchlorid besteht aus positiv geladenen Kationen ($\mathrm{Na^+}$) und negativ geladenen Anionen ($\mathrm{Cl^-}$). Im Kristall sind sie in einem regelmäßigen Ionengitter angeordnet. Jedes Ion ist von Gegenionen umgeben, im NaCl-Gitter sind es sechs. Zwischen den Ionen wirken starke elektrostatische Anziehungskräfte (Ionenbindung).
Dass der Kristall hart ist und hoch schmilzt, liegt an dieser Anziehung. Er ist aber spröde: Schlägt man auf den Kristall, verschiebt sich eine Ionenschicht um einen halben Gitterabstand. Dann stehen sich gleichnamig geladene Ionen gegenüber, stoßen sich ab, und der Kristall spaltet sich.
Die Gitterenergie ist umso größer, je größer die Ionenladungen sind und je kleiner die Ionenradien sind (die Ionen liegen dann dichter beieinander).
Natriumchlorid $\mathrm{NaCl}$ bildet ein Ionengitter aus $\mathrm{Na^+}$- und $\mathrm{Cl^-}$-Ionen. a) Beschreiben Sie den Aufbau des Ionengitters von Natriumchlorid…
Natriumchlorid $\mathrm{NaCl}$ bildet ein Ionengitter aus $\mathrm{Na^+}$- und $\mathrm{Cl^-}$-Ionen.
- a) Beschreiben Sie den Aufbau des Ionengitters von Natriumchlorid (Art der Teilchen, Anordnung, Art der wirkenden Kräfte).
- b) Erklären Sie, warum ein Natriumchlorid-Kristall spröde ist.
Solvatation und Lösungsenthalpie
Beim Lösen in Wasser passieren zwei Dinge. Sie lassen sich gedanklich trennen:
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Gitter zerstören: Die Ionen werden aus dem Kristall herausgelöst. Das kostet die Gitterenergie $E_\mathrm{G} > 0$.
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Ionen hydratisieren: Wassermoleküle sind Dipole. Weil Sauerstoff stärker Elektronen anzieht als Wasserstoff, trägt das O-Atom eine negative Teilladung ($\delta-$) und tragen die H-Atome positive Teilladungen ($\delta+$). Das Molekül ist ein Dipol. Es lagert sich mit seinem negativen Ende ($\mathrm{O}$) an Kationen und mit seinem positiven Ende ($\mathrm{H}$) an Anionen an und bilden eine Hydrathülle. Dabei wird die Solvatationsenergie (bei Wasser: Hydratationsenergie) $E_\mathrm{S} < 0$ frei.
Die molare Lösungsenthalpie ist die Summe beider Beträge:
$$\Delta_\mathrm{L}H = E_\mathrm{G} + E_\mathrm{S}$$Beim Lösen von Salzen in Wasser müssen Ionen aus dem Gitter gelöst und von Wassermolekülen umgeben werden. a) Definieren Sie die Begriffe Gitterenergie und…
Beim Lösen von Salzen in Wasser müssen Ionen aus dem Gitter gelöst und von Wassermolekülen umgeben werden.
- a) Definieren Sie die Begriffe Gitterenergie und Solvatationsenergie (Hydratationsenergie).
- b) Erläutern Sie, welches Vorzeichen die Energieänderung beim Zerstören des Gitters und beim Hydratisieren der Ionen jeweils hat.
Beim Lösen von $\mathrm{NH_4NO_3}$ in Wasser sinkt die Temperatur der Lösung, beim Lösen von $\mathrm{CaCl_2}$ steigt sie. a) Ordnen Sie beide Lösungsvorgänge als…
Beim Lösen von $\mathrm{NH_4NO_3}$ in Wasser sinkt die Temperatur der Lösung, beim Lösen von $\mathrm{CaCl_2}$ steigt sie.
- a) Ordnen Sie beide Lösungsvorgänge als endotherm oder exotherm ein.
- b) Geben Sie an, wie sich bei beiden Salzen jeweils der Betrag der Gitterenergie zum Betrag der Solvatationsenergie verhält.
Von der Lösungsenthalpie zur Temperaturänderung
Die molare Lösungsenthalpie gilt für $1\,\mathrm{mol}$. Löst man eine Masse $m$ Salz, ist die umgesetzte Wärme
$$Q = n \cdot \Delta_\mathrm{L}H \qquad \text{mit} \qquad n = \frac{m}{M}$$Nimmt die Lösung (bzw. das Wasser) die Wärme auf, gilt für die Temperaturänderung
$$Q = c \cdot m_\mathrm{Wasser} \cdot \Delta T$$Ein Kalorimeter nimmt selbst Wärme auf. Dann kommt die Wärmekapazität des Kalorimeters $C_\mathrm{Kal}$ (Kalorimeterkonstante) dazu:
$$|Q| = (c \cdot m_\mathrm{Wasser} + C_\mathrm{Kal}) \cdot |\Delta T|$$Für Natriumhydroxid gelten bei der Betrachtung des Lösungsvorgangs folgende Werte: Gitterenergie $+ 887\,\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$, Solvatationsenergie (alle Ionen…
Für Natriumhydroxid gelten bei der Betrachtung des Lösungsvorgangs folgende Werte: Gitterenergie $+ 887\,\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$, Solvatationsenergie (alle Ionen zusammen) $- 932\,\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$.
- a) Berechnen Sie die molare Lösungsenthalpie von $\mathrm{NaOH}$.
- b) Berechnen Sie die Wärme, die beim Lösen von $10{,}0\,\text{g}$ $\mathrm{NaOH}$ ($M = 40{,}0\,\text{g}\cdot\text{mol}^{-1}$) frei wird.
- c) Berechnen Sie die Temperaturerhöhung in $200\,\text{g}$ Wasser ($c = 4{,}19\,\text{J}\cdot\text{g}^{-1}\cdot\text{K}^{-1}$), wenn die Wärme vollständig vom Wasser aufgenommen wird.
Eine Kühlpackung (Kompresse) für Sportverletzungen enthält Ammoniumnitrat und ein getrennt verpacktes Wasserbeutelchen. Für $\mathrm{NH_4NO_3}$ beträgt die molare…
Eine Kühlpackung (Kompresse) für Sportverletzungen enthält Ammoniumnitrat und ein getrennt verpacktes Wasserbeutelchen. Für $\mathrm{NH_4NO_3}$ beträgt die molare Lösungsenthalpie $+ 25{,}7\,\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$.
- a) Erklären Sie das Funktionsprinzip der Kühlpackung auf Teilchenebene.
- b) Berechnen Sie die aufgenommene Wärme, wenn $40{,}0\,\text{g}$ $\mathrm{NH_4NO_3}$ ($M = 80{,}0\,\text{g}\cdot\text{mol}^{-1}$) gelöst werden.
- c) Berechnen Sie die Temperaturabnahme von $100\,\text{g}$ Wasser ($c = 4{,}19\,\text{J}\cdot\text{g}^{-1}\cdot\text{K}^{-1}$).
Ein Schüler löst in einem Kalorimeter ($C_{\text{Kal}} = 85\,\text{J}\cdot\text{K}^{-1}$) $5{,}35\,\text{g}$ Ammoniumchlorid ($M = 53{,}5\,\text{g}\cdot\text{mol}^{-1}$)…
Ein Schüler löst in einem Kalorimeter ($C_{\text{Kal}} = 85\,\text{J}\cdot\text{K}^{-1}$) $5{,}35\,\text{g}$ Ammoniumchlorid ($M = 53{,}5\,\text{g}\cdot\text{mol}^{-1}$) in $100{,}0\,\text{g}$ Wasser ($c = 4{,}19\,\text{J}\cdot\text{g}^{-1}\cdot\text{K}^{-1}$). Die Temperatur sinkt von $21{,}0\,^{\circ}\text{C}$ auf $18{,}2\,^{\circ}\text{C}$.
- a) Berechnen Sie die molare Lösungsenthalpie von Ammoniumchlorid.
- b) Der Literaturwert beträgt $+ 14{,}8\,\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$. Berechnen Sie die relative Abweichung und nennen Sie zwei mögliche Fehlerquellen.
- c) Erklären Sie, warum die Masse der Lösung nicht exakt $100{,}0\,\text{g}$ beträgt und welchen Einfluss das auf das Ergebnis hat.
Was bestimmt, ob und wie gut sich ein Salz löst?
Ladung und Radius. Die Gitterenergie wächst mit den Ionenladungen und sinkt mit größeren Ionenradien. Für Hydratationsenergie gilt dasselbe, denn auch hier kommt es auf die Ladungsdichte des Ions an. Kleine, hochgeladene Ionen ziehen Wassermoleküle besonders stark an.
| Salz | Ladungen | Schmelztemperatur |
|---|---|---|
| NaCl | $+1$ / $-1$ | $801\,^\circ\mathrm{C}$ |
| MgO | $+2$ / $-2$ | etwa $2\,800\,^\circ\mathrm{C}$ |
MgO hat doppelt geladene und kleinere Ionen, daher eine viel höhere Gitterenergie und Schmelztemperatur.
Kationen im Vergleich. Das $\mathrm{Li^+}$-Ion ist deutlich kleiner als das $\mathrm{K^+}$-Ion, trägt aber dieselbe Ladung. Es hat also eine höhere Ladungsdichte. Wassermoleküle lagern sich enger und fester an, und $|E_\mathrm{S}|$ ist größer.
Magnesiumoxid ($\mathrm{Mg^{2+}}$, $\mathrm{O^{2-}}$) schmilzt bei etwa $2.800\,^{\circ}\text{C}$, Natriumchlorid bei $801\,^{\circ}\text{C}$. a) Begründen Sie den…
Magnesiumoxid ($\mathrm{Mg^{2+}}$, $\mathrm{O^{2-}}$) schmilzt bei etwa $2.800\,^{\circ}\text{C}$, Natriumchlorid bei $801\,^{\circ}\text{C}$.
- a) Begründen Sie den Unterschied der Schmelztemperaturen mithilfe von Ionenladung und Ionenradius.
- b) Erklären Sie, warum Magnesiumoxid trotz sehr hoher Gitterenergie in Wasser praktisch unlöslich ist, Natriumchlorid dagegen gut löslich.
Die Lösungsenthalpie allein bestimmt nicht, ob sich ein Salz löst. Ammoniumnitrat löst sich bei $20\,^{\circ}\text{C}$ gut in Wasser, obwohl der Vorgang endotherm ist.…
Die Lösungsenthalpie allein bestimmt nicht, ob sich ein Salz löst. Ammoniumnitrat löst sich bei $20\,^{\circ}\text{C}$ gut in Wasser, obwohl der Vorgang endotherm ist.
- a) Erläutern Sie, welche zweite Größe neben der Enthalpie für die Freiwilligkeit des Lösungsvorgangs maßgeblich ist.
- b) Begründen Sie, warum der Lösungsvorgang trotz positiver Lösungsenthalpie abläuft.
- c) Sagen Sie begründet voraus, wie sich die Löslichkeit von Ammoniumnitrat mit steigender Temperatur ändert.
Für Lithiumchlorid und Kaliumchlorid sind Gitterenergie und Hydratationsenergie (in $\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$) gegeben: LiCl: Gitterenergie $+ 853$,…
Für Lithiumchlorid und Kaliumchlorid sind Gitterenergie und Hydratationsenergie (in $\text{kJ}\cdot\text{mol}^{-1}$) gegeben:
LiCl: Gitterenergie $+ 853$, Hydratationsenergie $- 884$
KCl: Gitterenergie $+ 701$, Hydratationsenergie $- 685$
- a) Berechnen Sie die Lösungsenthalpien beider Salze und ordnen Sie diese als exo- oder endotherm ein.
- b) Erklären Sie, warum die Hydratationsenergie von $\mathrm{Li^+}$ betragsmäßig deutlich größer ist als die von $\mathrm{K^+}$.
- c) Beurteilen Sie, welches der beiden Salze sich zur Herstellung einer Kältemischung eignet.
Zurück zum Anfang: Die Kühlpackung enthält ein Salz mit $\Delta_\mathrm{L}H > 0$ (z. B. Ammoniumnitrat). Es entzieht dem Wasser beim Lösen Wärme. Das Handwärmer-Salz hat $\Delta_\mathrm{L}H < 0$ und gibt beim Lösen Wärme ab.
Auf einen Blick
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Ein Ionengitter wird durch elektrostatische Anziehung zusammengehalten. Die Gitterenergie $E_\mathrm{G} > 0$ ist die Energie, die man für das Zerlegen von $1\,\mathrm{mol}$ in gasförmige Ionen aufwenden muss.
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Die Solvatationsenergie $E_\mathrm{S} < 0$ wird frei, wenn Wassermoleküle die Ionen mit einer Hydrathülle umgeben.
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Molare Lösungsenthalpie: $\Delta_\mathrm{L}H = E_\mathrm{G} + E_\mathrm{S}$. Negativ heißt exotherm (Erwärmung), positiv endotherm (Abkühlung).
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Rechnen: $n = m/M$, $|Q| = n\cdot|\Delta_\mathrm{L}H|$, $|Q| = (c\cdot m_\mathrm{Wasser} + C_\mathrm{Kal})\cdot|\Delta T|$.
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Größere Ladung und kleinerer Radius ergeben höhere Gitterenergie. Ob sich ein Salz löst, entscheidet der Vergleich mit der Solvatationsenergie (und über den Lehrplan hinaus die Entropie).