Räumliche Struktur von Molekülen und Dipolmoleküle
Kohlenstoffdioxid im Sprudelwasser und Wasser aus dem Hahn bestehen beide aus dreiatomigen Molekülen. Trotzdem hat das eine Molekül eine gestreckte und das andere eine abgeknickte Form. Woran liegt das? Die Antwort hängt davon ab, wie sich die Elektronenpaare um das Zentralatom im Raum anordnen.
Das Elektronenpaarabstoßungsmodell (EPA-Modell)
Die Lewis-Formel zeigt, welche Atome verbunden sind, aber nicht, wie das Molekül im Raum aussieht. Elektronenpaare sind negativ geladen und stoßen sich ab. Deshalb ordnen sie sich um das Zentralatom so an, dass ihr Abstand möglichst groß ist.
Zähle also um das Zentralatom die Richtungen: bindende Bindungen (jede Einfach-, Doppel- oder Dreifachbindung einmal) und freie Elektronenpaare.
| Richtungen | freie Paare | räumliche Struktur | Beispiel | Winkel |
|---|---|---|---|---|
| 2 | 0 | linear | $\mathrm{CO_2}$ | 180° |
| 3 | 0 | trigonal-planar | $\mathrm{BF_3}$ | 120° |
| 4 | 0 | tetraedrisch | $\mathrm{CH_4}$ | ≈ 109,5° |
| 4 | 1 | trigonal-pyramidal | $\mathrm{NH_3}$ | ≈ 107° |
| 4 | 2 | gewinkelt | $\mathrm{H_2O}$ | ≈ 105° |
Die Winkel musst du nicht berechnen; sie werden dir als Werte genannt.
Betrachten Sie die gasförmigen Moleküle Berylliumdifluorid, $\mathrm{BeF_2}$, und Bortrifluorid, $\mathrm{BF_3}$. Die Ordnungszahlen der beteiligten Elemente sind…
Betrachten Sie die gasförmigen Moleküle Berylliumdifluorid, $\mathrm{BeF_2}$, und Bortrifluorid, $\mathrm{BF_3}$. Die Ordnungszahlen der beteiligten Elemente sind $Z(\mathrm{Be}) = 4$, $Z(\mathrm{B}) = 5$ und $Z(\mathrm{F}) = 9$.
- a) Leiten Sie die Lewis-Formel jedes Moleküls her und geben Sie die VSEPR-Formel vom Typ $\mathrm{AX}_n\mathrm{E}_m$ um das Zentralatom an.
- b) Geben Sie jeweils die Molekülgeometrie und den zu erwartenden Bindungswinkel an.
Freie Elektronenpaare: Methan, Ammoniak, Wasser
In $\mathrm{CH_4}$, $\mathrm{NH_3}$ und $\mathrm{H_2O}$ gibt es am Zentralatom jeweils vier Richtungen. Trotzdem sehen die Moleküle verschieden aus.
Im ersten Modell hat das Zentralatom 3 Bindungen und 1 freies Paar (wie $\mathrm{NH_3}$). Beobachte die Form der Atome.
Im zweiten Modell sind es 2 Bindungen und 2 freie Paare (wie $\mathrm{H_2O}$). Vergleiche den Winkel mit dem ersten.
Die Moleküle Methan, $\mathrm{CH_4}$, Ammoniak, $\mathrm{NH_3}$, und Wasser, $\mathrm{H_2O}$, bilden eine klassische Reihe valenzisoelektronischer Teilchen mit einem…
Die Moleküle Methan, $\mathrm{CH_4}$, Ammoniak, $\mathrm{NH_3}$, und Wasser, $\mathrm{H_2O}$, bilden eine klassische Reihe valenzisoelektronischer Teilchen mit einem Zentralatom der zweiten Periode. Experimentelle Bindungswinkel: $\alpha(\mathrm{H-C-H}) = 109,5^\circ$, $\beta(\mathrm{H-N-H}) = 107,3^\circ$, $\gamma(\mathrm{H-O-H}) = 104,5^\circ$.
- a) Geben Sie für jedes der drei Moleküle die VSEPR-Formel an und bestimmen Sie die Elektronenpaargeometrie und die Molekülgeometrie.
- b) Begründen Sie die beobachtete fortschreitende Abnahme des Bindungswinkels in der Reihe anhand der relativen Abstoßungen zwischen bindenden und freien Elektronenpaaren.
Darstellungsformen von Molekülen
Dasselbe Molekül kann man auf verschiedene Weise zeigen. Jede Darstellung hebt etwas anderes hervor.
| Darstellung | Was sie zeigt |
|---|---|
| Lewis-Formel | Bindende und freie Elektronenpaare, aber keine Raumstruktur |
| Kugel-Stab-Modell | Atome als Kugeln, Bindungen als Stäbe; Winkel gut erkennbar |
| Kalottenmodell | Raumbedarf der Atome; Bindungen verdeckt |
| Keilstrichformel | Raumstruktur auf Papier: Keil = zum Betrachter, gestrichelter Keil = vom Betrachter weg, einfacher Strich = in der Papierebene |
Mit einer Software wie ChemSketch kannst du Moleküle drehen und die Darstellungen vergleichen. Aufgabe: Zeichne $\mathrm{CH_4}$, zeige es als Kugel-Stab- und als Kalottenmodell und drehe beide. Beschreibe, was du im Kugel-Stab-Modell besser erkennst (Winkel) und was im Kalottenmodell (Raumbedarf).
Betrachten Sie die gasförmigen Moleküle Berylliumdifluorid, $\mathrm{BeF_2}$, und Bortrifluorid, $\mathrm{BF_3}$. Die Ordnungszahlen der beteiligten Elemente sind…
Betrachten Sie die gasförmigen Moleküle Berylliumdifluorid, $\mathrm{BeF_2}$, und Bortrifluorid, $\mathrm{BF_3}$. Die Ordnungszahlen der beteiligten Elemente sind $Z(\mathrm{Be}) = 4$, $Z(\mathrm{B}) = 5$ und $Z(\mathrm{F}) = 9$.
- a) Leiten Sie die Lewis-Formel jedes Moleküls her und geben Sie die VSEPR-Formel vom Typ $\mathrm{AX}_n\mathrm{E}_m$ um das Zentralatom an.
- b) Geben Sie jeweils die Molekülgeometrie und den zu erwartenden Bindungswinkel an.
Hybridisierung und σ-/π-Bindungen
Ein Kohlenstoffatom hat vier Außenelektronen in der L-Schale. Trotzdem bildet es im Methan vier gleichwertige Bindungen im Tetraederwinkel. Das Valenzbindungsmodell erklärt dies mit Hybridorbitalen.
Hybridorbitale überlappen mit anderen Orbitalen frontal (entlang der Bindungsachse): Das ergibt eine σ-Bindung. Nicht hybridisierte p-Orbitale überlappen seitlich: Das ergibt eine π-Bindung. Eine Doppelbindung besteht aus einer σ- und einer π-Bindung, eine Dreifachbindung aus einer σ- und zwei π-Bindungen.
Das Kohlenstoffatom im Methan, $\mathrm{CH_4}$, bildet vier identische Bindungen, die auf die Ecken eines regelmäßigen Tetraeders gerichtet sind, mit Bindungswinkeln von…
Das Kohlenstoffatom im Methan, $\mathrm{CH_4}$, bildet vier identische Bindungen, die auf die Ecken eines regelmäßigen Tetraeders gerichtet sind, mit Bindungswinkeln von $109,5^\circ$. Gegeben: $Z(\mathrm{C}) = 6$ (Grundzustandskonfiguration: $1s^2\,2s^2\,2p^2$), $Z(\mathrm{H}) = 1$.
- a) Erläutern Sie das Valenzbindungsmodell mit Hybridisierung, das zur Begründung der vier gleichwertigen Bindungen verwendet wird.
- b) Geben Sie die Art der Überlappung an, die zu den Bindungen $\sigma$ führt, und stellen Sie kurz klar, warum die Hybridisierung ein Arbeitsmodell und kein beobachtbarer Quantenzustand ist.
Betrachten Sie die Kohlenwasserstoffe Ethen, $\mathrm{C_2H_4}$, und Ethin, $\mathrm{C_2H_2}$. Die Ordnungszahlen sind $Z(\mathrm{C}) = 6$ und $Z(\mathrm{H}) = 1$. a)…
Betrachten Sie die Kohlenwasserstoffe Ethen, $\mathrm{C_2H_4}$, und Ethin, $\mathrm{C_2H_2}$. Die Ordnungszahlen sind $Z(\mathrm{C}) = 6$ und $Z(\mathrm{H}) = 1$.
- a) Beschreiben Sie die Hybridisierung des Kohlenstoffatoms in jedem Kohlenwasserstoff und geben Sie dabei die geometrische Ausrichtung der Hybridorbitale sowie die Anzahl der nicht hybridisierten reinen $p$-Atomorbitale an.
- b) Bestimmen Sie begründet die Gesamtzahl der $\sigma$- und $\pi$-Bindungen in jedem Molekül und geben Sie an, welche Orbitale sich jeweils überlappen.
Polare Bindungen und Dipolmoleküle
Wenn Atome verschiedene Elektronegativität haben, ist die Bindung polar: Das Bindungselektronenpaar liegt näher am Atom mit größerer EN, es entstehen Teilladungen δ⁺ und δ⁻. Ob das ganze Molekül ein Dipolmolekül ist, hängt auch von der räumlichen Struktur ab.
Zurück zum Anfang: $\mathrm{CO_2}$ hat 2 Richtungen und ist linear, $\mathrm{H_2O}$ hat 4 Richtungen mit zwei freien Paaren und ist gewinkelt. Als Vorgriff: Wasser ist deshalb ein Dipolmolekül und wird von einem geladenen Kunststofflineal abgelenkt, $\mathrm{CCl_4}$ ist symmetrisch tetraedrisch und unpolar.
Das Tetrachlorkohlenstoff-Molekül, $\mathrm{CCl_4}$, besitzt aufgrund der Elektronegativitätsdifferenz zwischen Chlor ($\chi = 3,16$) und Kohlenstoff ($\chi = 2,55$)…
Das Tetrachlorkohlenstoff-Molekül, $\mathrm{CCl_4}$, besitzt aufgrund der Elektronegativitätsdifferenz zwischen Chlor ($\chi = 3,16$) und Kohlenstoff ($\chi = 2,55$) stark polarisierte Bindungen. Dennoch zeigen experimentelle Messungen, dass sein gesamtes Dipolmoment null ist ($\mu = 0\,\mathrm{D}$).
- a) Begründen Sie die Molekülgeometrie von $\mathrm{CCl_4}$ nach dem VSEPR-Modell anhand der Valenzkonfigurationen ($Z(\mathrm{C}) = 6$, $Z(\mathrm{Cl}) = 17$).
- b) Begründen Sie vektoriell, warum das Molekül trotz des polaren Charakters seiner einzelnen Bindungen unpolar ist.
Kohlenstoffdioxid, $\mathrm{CO_2}$, und Wasser, $\mathrm{H_2O}$, sind dreiatomige Moleküle mit polaren Bindungen, da Sauerstoff eine hohe Elektronegativität gegenüber…
Kohlenstoffdioxid, $\mathrm{CO_2}$, und Wasser, $\mathrm{H_2O}$, sind dreiatomige Moleküle mit polaren Bindungen, da Sauerstoff eine hohe Elektronegativität gegenüber Kohlenstoff und Wasserstoff besitzt. Ihr Verhalten in einem elektrostatischen Feld ist jedoch grundlegend verschieden. Die folgende Abbildung zeigt die räumliche Orientierung und die Bindungsdipolmomente beider Stoffe:
- a) Begründen Sie die Molekülgeometrie beider Teilchen mithilfe des VSEPR-Modells (geben Sie die Notation $\mathrm{AX}_n\mathrm{E}_m$ an).
- b) Leiten Sie aus der Vektorsumme der Bindungsdipolmomente ab, ob jedes Molekül ein resultierendes molekulares Dipolmoment besitzt oder nicht.
Ausnahmen und Feinheiten
Das EPA-Modell sagt auch feine Abweichungen voraus. Eine Doppelbindung beansprucht mehr Platz als eine Einfachbindung. Im Phosgen $\mathrm{COCl_2}$ ist das Molekül trigonal-planar, der Winkel Cl–C–Cl ist aber mit 111,8° kleiner als 120°, weil die C=O-Doppelbindung die beiden C–Cl-Bindungen zusammendrückt.
Beim 1,2-Dichlorethen kann sich die Doppelbindung nicht drehen. Das cis-Isomer (beide Cl auf derselben Seite) ist ein Dipolmolekül und siedet höher (60,3 °C), das trans-Isomer ist unpolar und siedet tiefer (47,5 °C).
Hinweis zu den Gasen der Atmosphäre: Ihre Teilchen kannst du mit denselben Schritten beschreiben. $\mathrm{N_2}$ (Dreifachbindung) und $\mathrm{O_2}$ (Doppelbindung) sind zweiatomig und damit linear, $\mathrm{CO_2}$ ist linear und $\mathrm{H_2O}$ gewinkelt. Wasserdampf und Luft zeigen, wie die räumliche Struktur den Stoff prägt.
Phosgen, $\mathrm{COCl_2}$, und Schwefeldioxid, $\mathrm{SO_2}$, sind zwei gasförmige Stoffe von großer industrieller Bedeutung. Gegeben: $Z(\mathrm{C}) = 6$,…
Phosgen, $\mathrm{COCl_2}$, und Schwefeldioxid, $\mathrm{SO_2}$, sind zwei gasförmige Stoffe von großer industrieller Bedeutung. Gegeben: $Z(\mathrm{C}) = 6$, $Z(\mathrm{O}) = 8$, $Z(\mathrm{Cl}) = 17$, $Z(\mathrm{S}) = 16$. Elektronegativitäten nach Pauling: $\chi(\mathrm{C}) = 2,55$; $\chi(\mathrm{S}) = 2,58$; $\chi(\mathrm{Cl}) = 3,16$; $\chi(\mathrm{O}) = 3,44$.
- a) Zeichnen Sie die plausibelsten Lewis-Formeln beider Teilchen und bestimmen Sie die Molekülgeometrie und die Hybridisierung des Zentralatoms.
- b) Beim $\mathrm{COCl_2}$ beträgt der experimentelle Bindungswinkel $\mathrm{Cl-C-Cl}$ $111,8^\circ$ und liegt deutlich unter $120^\circ$. Begründen Sie diese Abweichung und leiten Sie vektoriell begründet ab, ob beide Moleküle polar oder unpolar sind.
Sie können die Aufgabe auf Papier bearbeiten und ein Foto Ihrer Antwort einsenden.
1,2-Dichlorethen, $\mathrm{C_2H_2Cl_2}$, tritt in zwei bei Raumtemperatur stabilen stereoisomeren Formen auf: dem cis-Isomer und dem trans-Isomer. Gegeben:…
1,2-Dichlorethen, $\mathrm{C_2H_2Cl_2}$, tritt in zwei bei Raumtemperatur stabilen stereoisomeren Formen auf: dem cis-Isomer und dem trans-Isomer. Gegeben: $Z(\mathrm{C}) = 6$, $Z(\mathrm{H}) = 1$, $Z(\mathrm{Cl}) = 17$. Experimentelle Normalsiedetemperaturen: Stoff A ($60,3\,^\circ\mathrm{C}$), Stoff B ($47,5\,^\circ\mathrm{C}$).
- a) Beschreiben Sie die Hybridisierung der Kohlenstoffatome und die Bindungen, aus denen die Doppelbindung besteht, und begründen Sie, warum sich beide Isomere bei Raumtemperatur trennen lassen.
- b) Stellen Sie die Bindungsdipolmomente in jedem Isomer vektoriell dar, ermitteln Sie begründet anhand der Siedetemperaturen, welches das cis- und welches das trans-Isomer ist, und erklären Sie die Ursache des beobachteten physikalischen Unterschieds.